Author page: Christine Krokauer

Einander zähmen

„Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide lieb gewinnen.“

Der Fuchs zum Kleinen Prinzen, nach Antoine de Saint-Exupéry

Danke an Ursel für das herrliche Sommerblüherfoto

Montags-Nachdenk-Input

Ferienzeit bedeutet für mich erstmal Aufräumzeit. Da wir an den Wochenenden Kurse haben, fallen solche Zeiten bei uns für Ausräumen, Anschauen, Sortieren, Saubermachen weg und verlagern sich in die Urlaubstage. Klar kann man unter dem Jahr von Sommer auf Winter im Kleiderschrank durchtauschen, aber die Dinge mal wirklich gründlich in die Hand nehmen, prüfen, saubermachen, in den letzten Ecken kruscheln braucht Zeit. Küchenschränke und vor allem das Vorratsregal benötigen Aufmerksamkeit. Alles wird einmal rausgenommen und angeschaut, geprüft und neu eingeräumt.

Gestern Abend zur Belohnung ein besonderes Erlebnis: Haus-Konzert in Schloss Friesenhausen. In wunderbarem Ambiente gab es zwei Klaviertrios, eines von Clara und eines von Robert Schumann, moderiert von Siegfried Großmann, der mit seinen 81 Jahren den Klavierpart meisterte und viel erzählen konnte über die Familie Schumann. Trauriges Verbindungsglied beider Konzerte ist der erste Sohn von Clara und Robert Schumann, Emil. Geboren nach drei Töchtern, schrieb Clara ihr Werk während der Schwangerschaft, Robert seines nach dem Tod des Kindes, das mit sechs Monaten verstarb. Eine Kunstform, zwei Menschen, total unterschiedlich in der Musik und in dem, was sie im Zuhörer auslöst. Großartige Solisten, denn im Trio ist jeder Solist bei Geige, Cello und Klavier. Ein sehr interessiertes und engagiertes Publikum und eine weitere Besonderheit – auf dem Flügel, auf dem beim Konzert gespielt wurde, hat Clara Schumann vermutlich ebenso wie Johannes Brahms selbst schon gespielt, er hat also die alte Stimmung. Immer im August findet das Hauskonzert statt, am zweiten Abend wird dann im nahegelegenen Schloss Craheim das gleiche Programm musiziert. Die nächtliche Heimfahrt bei strahlendem Halbmond und herrlichem Sternenhimmel gibt einem dann die Möglichkeit, das Gehörte nachklingen zu lassen. Wunderbare Momente.

Danke an Theresa für das tolle Foto des Eingangs zu Schloss Friesenhausen.

Wochenend-Nachdenk-Input

Hildegard von Bingen schreibt, das Hören sei der Ursprung der vernünftigen Seele und verbindet es mit dem Denken. Das erinnert an den Beginn des Johannesevangeliums: Am Anfang war das Wort. Im Griechischen bedeutet logos Wort und Gedanke. Manche Schöpfungsmythen berichten, dass eine Gottheit die Welt ersungen hat. Nada Brahma, alles ist Klang, heißt es in Indien.

Wie erfreulich wäre es für uns, wenn der Klang in unserem Kopf auch den Namen verdiente und nicht durch seine Härte, seine Schärfe, seinen vernichtenden Inhalt und seine oft unangemessene Sprache auffiele. Wir machen uns selbst zwischen den Ohren das Leben zur Hölle, indem wir unsere Liste der Glaubenssätze, der Phrasen, die mit „ich bin“ oder „ich kann nicht“ starten und die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, den ganzen Tag wie Mantren wiederholen. Wenn von 60.000 Gedanken am Tag nur 1000 negativ sind mal 365 Tage mal x Jahrzehnte – dann sind wir Meister des Negativismus und der Selbstfolter. „Achte auf deine Gedanken“ – dieser Spruch hat Sinn, denn er endet mit „denn es wird zu deinem Schicksal“. Wir werden, was wir denken. Wir sind, was wir tun.

Herzliche Einladung, einen Tag lang mal nur aufmerksam und ohne jede Wertung beobachten, was dir so den ganzen Tag durch den  Kopf geht. Nur beobachten! Frage: Wie kannst du freundlicher, liebevoller mit dir selbst sein? Mit dir umgehen, als wärst du ein neugeborenes Kind? Mit dir sprechen, als wärst du dein bester Freund in höchster Not? Schau, was geschieht.

Allen ein klangvolles Wochenende.

Dank an Steffen auch für dieses Foto aus China.

Alles ist Klang

Das Hören ist der Ursprung der vernünftigen Seele und die Vernunft spricht mit dem Klang und der Klang ist gleichsam Denken und das Wort ist gleichsam Werk.

Hildegard von Bingen

Danke an Steffen für das Foto aus China!

Freitags-Nachdenk-Input

Heute sind mir die vielen welken Blätter einer Allee aufgefallen. Die Hitze setzt manchem Baum sehr zu, dessen Wurzeln nicht wirklich tief reichen. Die Brombeeren reifen ebenfalls, auch das ein Zeichen, dass der Sommer seinen Zenit vielleicht überschritten hat. Ich bin ja nicht der große Sommerfan, aber  ich stelle jedes Jahr hocherstaunt fest, wenn der Sommer weiterzieht, dass dann wieder viele Veränderungen anstehen. Morgens müssen wir nun schon lange mit Licht aufstehen, es auch am Abend wieder einschalten, auch daran merken wir den Fortgang der Zeit. Die längeren Dunkelzeiten sorgen für mehr Abkühlung, zumindest gefühlt.

Viele gehen nun in die wohlverdienten Ferien. Andere übernehmen in dieser Zeit die Arbeiten mit. Ist uns bewusst, dass sie das tun? Können wir dafür Danke sagen oder klaglos ihre Arbeit mitmachen, wenn sie ihre Auszeiten haben? Manchmal merkt man erst dann, was die anderen vollbringen und versteht eher ihre Leistung jeden Tag, die Selbstverständlichkeiten verschieben sich. Momente, in denen sich Perspektiven verändern können. Gut, dass es sie gibt, oder? Vielleicht ist der heutige Freitag ein guter Tag, um Kollegen tolle Urlaubstage zu wünschen und ihnen ein Danke zu sagen, dass sie die Vertretung übernehmen, wenn man selbst weg ist. Und um sich selbst zu feiern. Wofür? Egal! Dass es uns gibt, ist Grund genug. Allen einen guten Freu/itag.

Von der Andacht

Wem die Andacht ein Fenster ist, das man öffnet und schließt, der hat noch nicht das Haus seiner Seele besucht, dessen Fenster von Morgenröte zu Morgenröte reicht.
Khalil Gibran

Danke an Christoph für das Foto vom Veitshöchheimer Hofgarten

Donnerstags-Nachdenk-Input

Tore üben eine große Faszination auf Menschen aus. Was mag wohl dahinterstecken? Viele haben Tore an ihren Grundstücksgrenzen. Manche sind mächtig. Sie zeigen dem Davorstehenden – komm bloß nicht zu nahe. Andere haben niedrige Zäune und offenstehende Türchen, die einladen, in den meist bunten Bauerngarten einzutreten und Zeit und Raum zu vergessen. Es gibt massive Türen und in Norddeutschland solche, die man teilweise öffnen kann, damit man bei geschlossener Tür problemlos schnacken kann. Beim Menschen gelten die Augen als Tore zur Seele, sind also wie Eingangspforten. Ein offener Blick signalisiert eher ein Willkommen als gesenkte Augenlider.

Morgenstern beschreibt es schön, wie Lachen und Lächeln Türen öffnen, durch die das Gute kommen, aber auch ausgesendet werden kann. Probieren wir es einfach aus. Was geschieht, wenn wir unser Gegenüber anlächeln? Wie ist es, wenn wir angelächelt werden? Freuen wir uns? Geben wir das Lächeln weiter? Wie weit reicht deine Lächel-Ketten-Reaktion an diesem Donnerstag? Allen einen frohen Jupitertag mit ganz viel Grund zum Lachen und Lächeln.

Danke an Manuela für dieses mich atemlos vor Staunen machende Detailfoto.

Mittwochs-Nachdenk-Input

Garten und Bibliothek – ich würde noch die Tasse Tee ergänzen, dann ist das Paradies perfekt. Ich freue mich sehr, wenn für uns auch die Ferien anbrechen, denn dann ist der Garten herbstfertig zu machen. Ich habe den wahnsinnigen Plan, meine Bibliothek durchzusortieren. Das habe ich vor einigen Jahren gemacht, als wir einen Bücherschrank angeschafft haben. Blöderweise ist das eine lebendige Bibliothek, das bedeutet, ich hole dieses und jenes, weil ich es für Kurse, Vorträge oder anderes brauche, ich sortiere neu ein und die Sammlung wächst, irgendwann rutschen Bücher dann in die zweite Reihe, sie liegen quer und meine Systematik gerät ins Wanken. Ich weiß noch nicht, ob ich dieses Unterfangen ernstlich vornehmen will, denn ich suche immer noch seit dem letzten Sortieren Bücher, aber da wir damals so viele verkauft haben, gehe ich mal davon aus, dass sie einem Anfall von „brauch ich sicher nicht mehr, geben wir ab“ zum Opfer gefallen sind. Bücher sind für mich lebendige Wesen und ein sehr wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Die Bibliothek umzusortieren kommt einem Großumzug gleich. Wir werden sehen, ob es genug Regentage gibt, um das wirklich zu machen oder ob das ein 2020er Projekt werden mag. Immerhin ist erst die Krankengymnastik für die Schulter gestartet, vielleicht ist da das Umräumen schwerer Folianten noch nicht so der Plan. Oh, ich stelle fest, dass ich schon Argumente dagegen suche … Vielleicht nehme ich mir doch meinen Vortrag über Prokrastination (= Aufschieberitis) noch mal vor.

Allen einen aufschiebefreien Wochenteilungstag!

Das Foto fiel mir heute in die Hände. Es entstand bei einem wunderbaren Abend der GlücksWERKstatt, als wir aus Blüten und Karten ein herrliches Mandala legten.

Dienstags-Nachdenk-Input

Sich treiben lassen – das ist das, was wir im Urlaub üben. In den Tag hineinleben und verwundert feststellen, dass er vorbeigeht ist eine Erfahrung, die die Ferienmenschen derzeit vielleicht machen. Ohne Uhr, ohne Zeitmesser, verlieren wir im Urlaub schnell das Gefühl für Tag, Datum und Uhrzeit. So mancher stand einen Tag zu spät im Flughafen, weil er aus der Zeit geraten ist.

Was Seneca vermutlich eher aufregte, war die Erkenntnis, dass wir oft nicht wissen, wie wir von A nach B gekommen sind vor lauter Träumerei unterwegs und Abgelenktsein. Das nennt er schimpflich und für ihn ist gehen offensichtlich ein achtsamer Prozess. Am Samstag hab ich mir beim Warten auf einen Zug viele Menschen angeschaut, die die Bahnhofshalle gequert haben. Manche sehr zielgerichtet zu den Gleisen, andere sehr zielgerichtet nach draußen zur Straßenbahn oder zu abholenden Menschen. Andere sind wie kleine Inseln durch die Halle geschwommen, hier mal in einer Zeitschrift geblättert, dort einen Kaffee geholt, noch schnell Shampoo kaufen und dann aber in größter Hektik beim Blick auf die Bahnhofsuhr Sprint zum Gleis. Der Bahnhof ist wie ein Hafen, an dem Schiffe anlegen und abfahren, dazwischen ist die Halle wie eine Pufferzone, in der holt man sich Proviant zum Essen, zum Lesen, vertreibt sich die Zeit und überlegt, ob Nudeln vom Asiaten noch gehen oder doch nur das belegte Brötchen reinpasst. Hier eine Auskunft, dort ein Blick. Menschen fallen sich in die Arme, trennen sich. Mikrokosmos Bahnhof als Abbild für den Makrokosmos Welt. Ich erinnerte mich an die Aussage von Beuys, dass moderne Einweihungen im Hauptbahnhof stattfinden, also mitten in unserem Leben. Dieser Gedanke hat mich das gesamte Wochenende begleitet. Wir erleben Einweihungsmysterien im Alltag, früher waren das jahrelange Ausbildungen, abgeschottet von der Welt. Ob uns das allen so bewusst ist, dass unsere Schicksalsschläge Prüfungen auf dem Weg zur geistigen Welt sein können? Vermutlich ist uns der Bahnhof da als alltägliches Durchgangstor zwischen zwei Welten näher. Ein bisschen was von Gleis 10 ¾ wie bei Harry Potter hatte diese Bahnhofszeit auch, denn Rowling greift das Thema zweier Welten da auch ganz bewusst auf. Also Frage: Welche Welt wählst du heute, ob mit oder ohne Bahnhof?

Allen einen aktiven Dienstag.

Danke an das Wanderstiefelfoto von Theresa

Wie bin ich bloß hierhergekommen?

Schimpflich ist es, nicht zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und mitten im Wirbel der Dinge verblüfft zu fragen: Wie bin ich bloß hierher gekommen?

Seneca, römischer Dichter und Philosoph, 1 – 65

 

Dieser Pilger im alten Pilgergewand weiß vermutlich, wie er auf den Jakobsweg gekommen ist. Danke an Theresa für das Foto!

Montags-Nachdenk-Input

„Der beste Weg zur Gesundheit ist der Fußweg“, sagt ein Sprichwort, und „es ginge alles besser, wenn wir mehr gingen“. Da steckt viel Wahrheit drin. Wenn wir schnell für fünf Tage ans Ende der Welt fliegen, ist das nicht nur  ökologisch problematisch. „Europa in 14 Tagen“ war lange Zeit für Menschen aus Asien das Nonplusultra und auch Europäer haben so die Vorstellung, bestimmte Länder in zwei Wochen gut kennen zu lernen. Ich denke, man lernt ein Land nicht kennen, indem man die Hauptstadt besucht und die sogenannten Hotspots besichtigt hat. Man lernt es kennen, indem man Kontakt mit den Menschen hat, die dort leben. Isst, was sie essen, ihre Lieder lernt und beobachten kann, wie sie mit ihrem Nachwuchs umgehen. Das braucht Zeit.

Wandern ist modern. Multifunktionskleidung, GPS-gestützte Wanderkarten, ein Jahr im voraus gebuchte Plätze in den angesagten Hütten. Für mich ist Wandern mit Rucksack verbunden. Mit zwei Paar Socken in knöchelhohen Stiefeln mit langen Bändeln und einem Anorak. Mit Taschenmesser und Wasserflasche, Äpfeln. Daran erinnere ich mich gern. Wir hatten keine Funktionskleidung. Wir sind im Wald herumgestolpert ohne Insektenschutzmittel und Zeckenkarte in der Hoffnung, irgendwann aus der Wildnis aufzutauchen. Wir hatten weder Karte noch Handy und lauschten gebannt den Geschichten von „achte auf das Moos am Baum, es sagt dir was über die richtige Himmelsrichtung“ und abends am Lagerfeuer gab es Stockbrot und Lieder mit Gitarre.

Suum cuique, jedem das Seine. Ich freue mich über jeden, der etwa zu Fuß erkundet, er entschleunigt, bewegt sich und ist draußen. Er hat Muße, auch etwas zu sehen. Er bemerkt Schnecken am Wegesrand ebenso wie Flora und Fauna direkt. Er lernt, die Wolken zu beobachten und weiß, dass es sich im Frühtau besser geht als mittags in der Hitze. Und wer zu Fuß geht, sortiert dabei sein Gehirn automatisch. Perfekt also für alle, deren mind full ist und die auf der Suche nach mindfullness sind.

Allen einen guten Wochenstart! Ich freue mich auf die Klienten, mit denen ich diese Woche arbeiten werde und auf ihre Themen. Für mich ist das so spannend, die Innenwelten der Menschen zu erkunden wie für andere, fremde Länder kennen zu lernen.

Theresas Foto zeigt das „Ende der Welt“, Finsterra, in Spanien

 

Fuß-Gänger

Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749 – 1832

Danke an Theresa für das Foto vom diesjährigen Jakobsweg