Monthly Archives: Oktober 2018

Donnerstags-Nachdenk-Input

Eine spannende Debatte ist entstanden wegen meiner These, Mozart sei für Junge und Alte. Die Mozartfans haben mir das sehr übel genommen. Was ich damit meine: Kinder haben sofort Zugang zu Mozarts Musik. Sie werden gleich eingenommen von seinen Werken. Alte Menschen hören in ihm das Genie. Und ich persönlich musste 40 werden, bis ich Zugang zu Mozart fand und seine Werke sehr schätzen kann. Dazu brauchte es viele Jahre viel Mozart, um das Bild von Rock me Amadeus aus dem Kopf zu bekommen und mich dem Menschen Mozart anzunähern, dessen Genius in höchste Höhen griff, um den Klang direkt von dort aufs Papier zu bringen. Es ist etwas sehr Persönliches, die Frage nach der Musik. Bei vielen Komponisten ist das so, entweder findet man Zugang oder keinen.

Fakt ist: Musik ist für uns Menschen so unglaublich wichtig. Jeder Mensch ist Schwingung, also auch Klang und alle können singen, auch wenn sie es nicht glauben. Tun wir es ruhig. Forschungen haben belegt, dass schon 10 Minuten Singen in einem Chor Oxytocin ausschüttet, das Hormon, das für das Gefühl der Verbindung zuständig ist. Singen pflegt unsere Stimme und die hat nicht nur vom Namen her viel mit unserer Stimmung zu tun. „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, heißt es.

Ich habe für jede Stimmung die passende Musik, quer durch alle Zeiten (na gut, nicht quer. Sehr eingeschränkt im Vergleich zu vielen, weil bachlastig). Im Studium fragte ich im Plattenladen nach einer Musik, die richtig, richtig krass schwer sei, so passend für „ich kann nicht mehr“-Momente im Leben. Der Händler – ein Meister seines Fachs übrigens, dessen Wissen meine Hörbibliothek immens bereichert hat mit seinen Tipps – drückte mir Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert mit den Worten „zum Sterben schön“ in die Hand. Der Mann hatte, wie immer, Recht. Später jubelte er mir die Schottische Fantasie von Bruch unter, Verhängnis. Ich darf sie seit Jahren nicht auflegen, weil mein Umfeld Sorge trägt, die nächsten 10 Jahre nichts anderes mehr zu hören. Immer wieder lande ich bei meinen Klassikern. Meine Hitliste kann man bequem auf einer CD unterbringen. Das würde mir zeitlebens reichen und mir wäre keine Minute hörlangweilig.

Deshalb muss ich mir trotzdem Bohemian Rhapsody im Kino anschauen. Danach kann ich mich ja bei Bachs „Schafe können sicher weiden“ erholen.

Allen einen Feiertage, der viele zu Familientreffen führen wird. Mögen es gute Gespräche und Zusammenkünfte sein. Wer aus dem Kampf den Kampf entfernt, wird überrascht sein, was möglich ist.

Novemberstimmung

Die Flur umher
es kalt durchweht,
wo nirgend mehr
ein Blümlein steht.

Im Wald zerstiebt
das welke Laub –
Die ich geliebt,
sind alle Staub.

Sich frühe neigt
der Sonne Lauf,
am Himmel steigt
der Mond herauf.

Es füllt sich sacht
das Sternenzelt.
Sie sind erwacht
in jener Welt.

Martin Greif, 1839–1911

Danke an Ursula für dieses starke Foto

Mittwochs-Nachdenk-Input

Der Wind braust ums Haus und zupft im Vorbeiwehen die Blätter von den Bäumen. Was haben wir Glück, anderswo sind am Morgen die Autobahnen verstopft gewesen wegen umstürzender Bäume, steht Hochwasser oder Schlammlawinen bringen Not. In diesem Jahr haben wir alle am eigenen Leib erlebt, was das Wetter mit uns machen kann, sind wir schlagartig wacher für die Tatsache, dass Klimawandel nicht „irgendwo“ stattfindet. Irgendwo gibt es nicht, weil alles mit allem verbunden ist.

333 Jahre ist es her, seit Johann Sebastian Bach geboren wurde. Was hat dieser Mensch der Welt an Musik geschenkt. Da ich schon mit drei Jahren ins Ballett gekommen bin, sind meine Ohren lange Jahre von Ballettmusik, allen voran Tschaikowsky, geprägt gewesen. Als Jugendliche begann ich mit der Sammlung der Werke von Johann Sebastian Bach. Ich erinnere mich daran, dass wir mit der Schule nach Prag gefahren sind zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Dort habe ich einen ganzen Koffer voller Langspielplatten mit Bachmusik (und Berge Bücher) eingekauft. Die anderen shoppten massenhaft Krimsekt (der auf der Heimfahrt auf den Huckelpisten förmlich explodierte und eine Riesensauerei im Buskofferaum hinterließ), ich wühlte mich durch Tausende von Titeln und erstand seltene Aufnahmen von Silbermannorgeln. Dieser Schulausflug bildete das Fundament meiner Bachsammlung. Mein Fundstück dieses Ausflugs war das „Musikalische Opfer“ von Bach, Jahre ein Lieblingswerk. Ich hörte so exzessiv Bach, dass ich  über die Fülle bei Mozart Jahre später fast erschrak. Mozart ist für ganz Junge und ganz Reife. Bach ist für immer. Wenn ich gefragt würde, was ich auf die einsame Insel mitnehmen würde, dann wäre es das Gesamtwerk von Bach und die Hoffnung, dass mich keiner dabei stört, was wichtig ist, denn das, was meine Umgebung wirklich nervt, ist die Marotte, ein Stück, das mir gefällt, quasi auf Dauerschleife anzuhören. Was leider Monate/Jahre dauern kann. So sind auf meiner „für immer und ewig Lieblinge“-Liste im Bereich Musik die ersten 10 Ränge mit Bachwerken belegt, ehe andere folgen. Na gut, Rang 11 geht an Mozart für die Zauberflöte. Nichts hat mich mehr geprägt als die Musik von Bach. Es gibt keine Situation in meinem Leben, die nicht mit einer Musik von Bach unterlegt wäre. Unter diesem Nachdenkinput liegt übrigens die Cellosuite Nr. 1 in der Version mit Mischa Maisky (https://www.youtube.com/watch?v=mGQLXRTl3Z0).

Was ist DEINE Lieblingsmusik?

Allen einen musikalischen Wochtenteilungstag. Zu einem Mittwoch passt allerdings dann auch fein etwas von einem der Bachsöhne, CPE Bach: https://www.youtube.com/watch?v=zyhrNdxoDsU

Was wärst du, Wind

WAS wärst du, Wind,
wenn du nicht Bäume hättest
zu durchbrausen;
was wärst du, Geist,
wenn du nicht Leiber hättest,
drin zu hausen!
All Leben will Widerstand.
All Licht will Trübe.
All Wehen will Stamm und Wand,
dass es sich dran übe.

Christian Morgenstern: Gesammelte Werke. Wiesbaden 1996, S.517

Danke an Ursula für das bewegte Foto!

Dienstags-Nachdenk-Input

Die ersten Ferien seit dem Sommer sind da. Ich sehe diese Woche also viele Jugendliche und ihre Sorgen sind nicht die kleinsten. Von Essstörung bis Ritzen, von Depression bis restlose Verweigerung, auf irgendeine Ansage der Eltern zu reagieren ist alles dabei. Eltern verzweifelt, Kinder verzweifelt, Geschwisterkinder übelst abgenervt vom Bruder, der Schwester, die alle Aufmerksamkeit zieht und trotzdem nicht klarkommt.

Wir sind oft erste Ansprechpartner und müssen nicht selten, wenn das Problem zu massiv ist, sofort in ärztliche Behandlung weiterschicken. Es wird oft lange zugewartet, ob sich „das gibt“, „zur Pubertät gehört“ oder gar nicht erst im normalen Alltagschaos wahrgenommen wird. Manchmal ist es dann schon zu spät, um mit normalen Aktionen die Kuh vom Eis zu bekommen, haben sich Dinge bereits verfestigt. Deshalb immer wieder: schauen wir genau hin bei unseren Kindern, bei unseren Heranwachsenden, bei den Partnern, den Kollegen. Oft leiden Menschen lange, bis es gar nicht mehr geht und wir die Notwendigkeit bemerken, dass Hilfe kommen muss. Lernen wir wieder das genaue Schauen mit liebevollem Blick auf die Menschen unserer Umgebung. Nehmen wir Not wieder wahr, hören wir hin, wenn jemand Andeutungen macht. Es kommt die dunklere Jahreszeit, da verkriechen sich viele Menschen in ihren Wohnungen, die Kinder im Zimmer und dort wird ein regelrechter Kampf ums Leben ausgefochten. Unterstützen wir rechtzeitig mit Fragen, mit Hilfsangeboten. Es ist oft viel schwerer, etwas zu reparieren, als den Anfängen gleich Aufmerksamkeit geschenkt.

Oft genug bedeutet es auch, Eltern klar zu machen, dass Erziehung bedeutet, sich zu engagieren. Nicht nur die Kinder zu ihren zig Terminen zu fahren und einen guten Krippenplatz, eine gute Schule zu finden (was alles sehr wichtig ist), sondern sich mit ihnen auch zu beschäftigen. Je kleiner das Kind, desto intensiver die Beschäftigung, die Präsenz im Leben des Kindes, je jugendlicher, desto wichtiger ist die Kommunikation, das Fragen, das Austauschen, das Zuhören, das Wahrnehmen, womit sich der Jugendliche beschäftigt und mit wem er seine Zeit verbringt. Kinder sind uns anvertraut, meist um die 20 Jahre. Das ist ein überschaubarer Zeitraum, finde ich. Da kann man durchaus Verantwortung übernehmen, damit unsere Kinder dann auch gut aufgestellt in ein gutes Leben gehen und sie gelernt haben, dass sie selbst Verantwortung tragen, dass sie selbst herausfinden, was sie glücklich macht, dass sie begriffen haben, dass es nicht nur ums Nehmen, sondern auch ums Geben geht, das Leben nicht immer lustig ist, Herausforderungen, Frustration, Enttäuschungen Bestandteile ganz normalen Lebens sind und keine Situationen, denen sie schutzlos ausgeliefert sind.

Das setzt voraus, dass die Kinder auch mal Widerstand erfahren, Frust aushalten lernen müssen und nicht alles serviert bekommen, wonach ihnen der Sinn steht. Dass sie auch mal zurückstecken, sich um die kranke Großmutter kümmern und dafür sorgen, dass der Hund nicht zehnmal winseln muss, wenn er Gassi gehen will. Dass sie Geschirr abtrocknen, ihre Hausaufgaben erledigen, nicht nur bespaßt werden, sondern Langeweile geradezu ein Muss der Kindheit ist, damit Kreativität wachsen kann.

Kinder brauchen nicht dauernd Input. Sie brauchen Kinderwagen, in denen sie unter Apfelbäumen stehen. Sie brauchen Sand und Wasser und sonst nichts. Sie brauchen vollkommen freie Zeit, damit sie lernen, sich selbst zu beschäftigen und Zeiten, in denen sie auf Schaukeln stundenlang hängen dürfen und sich hin und her schwingen. Zeiten, in denen sie Kastanienmännchen basteln oder warten, ob man in der Badewanne schrumplige Zehen bekommt. Nicht dauernd Input. Nicht logisches Denken, wenn der Dreijährige Warum fragt. Der will Kontakt, keine Erklärung! Schon gar keine wissenschaftliche Darstellung der Frage nach der Krümmung einer gelbschaligen Frucht!!!!

Kommen wir wieder im richtigen Leben an. Seien wir Vorbilder für die Kinder. Stehen wir ihnen zur Seite, aber räumen wir ihnen nicht immer jeden Weg frei. Sonst haben wir Erbsenprinzessinnen, die bei der geringsten Herausforderung in Tränen ausbrechen und Zauderer, die vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, gar nichts mehr tun. Zehnjährige, die einen Therapeuten brauchen, hätten zehn Jahre zuvor vielleicht (nicht in jedem Fall, so pauschal ist das nicht zu verstehen) Eltern gebraucht, die da sind. Eltern, die ermutigt werden, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Wir brauchen mehr Ermutigung und auch Ertüchtigung von Eltern, damit sie wieder Eltern werden können. Gute Erziehung ist die beste Gesundheitsprophylaxe, die wir Menschen angedeihen lassen können!

Also, liebe Eltern. Fasst Mut. Stellt euch der maximalen Herausforderung eures Lebens – stürzt euch in das größte Abenteuer. Es nennt sich Erziehung. Es ist der härteste Posten auf dem Planeten. Ihr habt mit dem Kostbarsten zu tun, was es gibt – heranwachsendes Leben. Eure gute Arbeit am Kind ermöglicht es ihm, später eine lebenswerte Welt mitzubauen, in der wir gern leben, lieben und arbeiten. Mit Werten. Mit Idealen. Mit Liebe. Mit Respekt. Achtung. Wertschätzung. Liebe Eltern – traut euch wieder. Wagt es. Wir helfen euch dabei. Damit Würde wieder Bedeutung hat! Damit die Jugendlichen sich nicht aus dieser Welt hungern müssen vor vollsten Töpfen. Weil die Kinder, weil die Welt es absolut wert sind, dass wir ihnen die vollste Aufmerksamkeit schenken. DAS ist eine Investition, die sich in jedem Fall lohnt. Machen wir Fehler. Vergeigen wir Chancen. Scheitern wir ruhig! Und zeigen den Kindern, dass wir aus Fehlern lernen. Uns neue Chancen erarbeiten können. Und aus gescheiterten Situationen wie gerupfte Hühner hervorgehen, aber beim nächsten Mal vielleicht gerade deshalb sehr erfolgreich sind. Seien wir wieder das, wozu wir geboren wurden – Menschen, die mit Herz, mit Hirn und ihrer Hände Arbeit auf und mit diesem Planeten voller Respekt und Liebe leben. Sich die Hand reichen, wenn es nötig ist. Und die klar und ehrlich sagen, was sie denken. Mit Bitte und Danke.

Allen einen kraftvollen Marstag.

Manchmal …

Manchmal spricht ein Baum
durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch
als Stern auf meinem Himmel
manchmal ein Mensch,
den ich nicht kenne,
der meine Worte erkennt.

Rose Ausländer

Montags-Nachdenk-Input

Was für ein geniales Wochenende war das! Am Freitag haben wir im Heilpraktikerkurs das intensive Thema Suizidalität bearbeitet, was eines der schwierigsten Kapitel in der gesamten Ausbildung ist. Am Samstag haben die angehenden Cardeatherapeuten eine alte Technik aus dem 11. Jahrhundert erlernt, mit der man sich seinen tiefen Ängsten stellen und sie verwandeln kann. Eine Technik, die rund 10 Jahrhunderte auf dem Buckel hat, kann so falsch ja wohl nicht sein bei der Tradition. Wunderbares Arbeiten ist das mit dieser Methode und wir konnten sie auch gleich praktisch ausprobieren. Und am Sonntag haben die Cardeatherapeuten, die sich auf den inneren Schulungsweg begeben haben, das Thema „Ich“ bearbeitet, dann sind wir in die Mysterienschulen der Antike eingetaucht und haben uns bis zu den Michaelsmysterien vorgearbeitet. Im anschließenden Lesekreis passte der Literaturausschnitt aus der „Allgemeinen Menschenkunde“ von Rudolf Steiner exakt zu dem, was wir besprochen hatten. Ein so erfülltes und belebendes Wochenende, vielen Dank allen, die dazu beigetragen haben mit ihrer Anwesenheit und teilweise stundenlange Anfahrten auf sich nehmen, um mit dabei zu sein. Ihr seid großartig!

Nächsten Sonntag startet ein weiterer Herzenskurs, bei dem noch zwei Plätze frei sind – die Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers. Rogers vertrat die Auffassung, dass Wertschätzung, Authentizität und eine tiefe Liebe zum Menschen die ersten Schritte zur Menschwerdung sind. Der Kurs kann von Therapeuten aller Schulen und Arten (großer und kleiner Heipraktiker) besucht werden, denn wir führen alle Gespräche mit unseren Klienten. Er wird aber auch immer wieder zur Selbsterfahrung genutzt, denn wir schauen uns auch an, wie wir mit uns selbst und anderen kommunizieren und welches Menschenbild wir selbst haben. Es sind sechs Kurstage (5 Sonntage und ein Samstag), immer 9 bis 16 Uhr. Mehr Infos auf der Homepage und wie gesagt – sehr gern können wir noch Menschen mitnehmen.

Ich bin gespannt auf die Woche. Hinter den Kulissen geschieht Geheimnisvolles – das Winterheft der Holunderelfe ist im Satz und ich lese es gerade Korrektur. Ach, was wird das wieder für ein Freuheft!

Die Ferienwoche wird von den Menschen gut genutzt, um etwas Gutes für die Seele zu tun – einen Termin gibt es diese Woche noch für Kurzentschlossene am Dienstag. Einfach melden.

Allen einen wunderbaren Start in diese Woche, die durch den Feiertag gefühlt eine kürzere ist und  in der wir die Zeitumstellung dann auch besser verdauen können!

Sicht-Wechsel

 

Gerade wenn man glaubt, etwas ganz sicher zu wissen, muss man sich um eine andere Perspektive bemühen.

aus dem Film „Der Club der toten Dichter“

Danke an Theresa für das Foto vom Camino diesen Sommer!

Wochenend-Nachdenk-Input

Tiefe Worte über die Geschehnisse in der menschlichen Seele findet Carl Gustav Jung. Es gibt wenige Menschen, die ihre eigene Seele so intensiv erforscht haben wie Jung. Seine Gedanken, Auseinandersetzungen und Erkenntnisse sind nicht zuletzt in seinem „Roten Buch“ niedergelegt, ein Werk, das den Leser sofort in seinen Bann zieht und an mittelalterliche Buchmalerei erinnert.

An diesem Wochenende wird die Seele vieler Menschen gut bewegt werden in den Kursen, ich freue mich sehr. Die Zeitumstellung gibt uns endlich die Stunde zurück, die wir seit Monaten als fehlend empfinden. Ich würde mir sehr wünschen, dass diese Sommer- und Winterzeitgeschichte ein Ende findet. Aber klar, für alles gibt ds Argumente dafür und dagegen, wie immer.

Heute Morgen im Schwimmbad haben sich zwei ältere Damen dafür bedankt, dass wir immer um sie herumschwimmen. Morgens gibt es so etwas wie feste Bahnen, jeder weiß, wo er unterwegs ist und wir schwimmen mit beiden auf der Außenbahn. Da das Tempo verschieden ist, gibt es immer wieder Überholmanöver und weil sie älter sind, achten wir darauf, dass sie sich darum nicht kümmern müssen. Ich fand es eher erschreckend, dass sie das so freut, ich halte es für selbstverständlich, dass die Jüngeren auf die Älteren Rücksicht nehmen. Aber offenbar ist gutes Benehmen wirklich nicht mehr so gefragt. Dabei kenne ich nichts, was das menschliche Zusammenleben besser organisiert als Benimmregeln. Das sind für mich keine lässlichen Floskeln, sondern Übereinkünfte, die dafür sorgen, dass der Alltag reibungsloser läuft. Verstöße gegen diese Konventionen nehme ich zur Kenntnis, ich denke aber, dass ich mir die „neue Lockerheit“ nicht zu eigen machen möchte.

Allen ein wunderschönes Wochenende.

Sich selbst begegnen

Die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.
Ich möchte niemand anderem einen Weg vorzeichnen, denn ich weiß, dass mir der Weg von einer Hand vorgeschrieben wurde, die weit über mich hinausreicht.
Es lohnt sich, geduldig zu beobachten, was in der Seele im Stillen geschieht, und es geschieht das Meiste und Beste, wenn es nicht von außen und oben hineinreglementiert wird. Ich gestehe es gerne: Ich habe eine solche Hochachtung vor dem, was in der menschlichen Seele geschieht, dass ich mich scheuen würde, das stille Walten der Natur durch täppische Zugriffe zu stören und zu entstellen.
Der Mensch trägt immer seine ganze Geschichte und die Geschichte der Menschheit mit sich.

Carl Gustav Jung

 

Danke an Theresa für das Foto von Finisterre!

Freitags-Nachdenk-Input

So, das Haus ist wieder sauber. Manchmal ist es eine größere Aktion, wenn viel aufzuräumen ist. Die im Sommer geernteten Kräuter waren durchgetrocknet, ich habe alles abgerebelt und in Gläsern verstaut. Damit haben wir den gesamten Winter über Tee aus dem eigenen Garten. Zwar ist der griechische Bergtee nicht so prachtvoll wie in Griechenland, aber er schmeckt prima und tut gut. Auch Lavendelberge sind trocken und viele Säckchen sind gefüllt, die allesamt an Weihnachten in die Pakete an die Familienmitglieder gehen, die sich freuen und den letztjährigen Lavendel entsorgen können.

Das erste Mal versuche ich Quittenfruchtleder. Dem Dörrautomaten sei Dank! Aus den letzten Ladungen Quitten für Saft (es hat 60 Flaschen Saft ergeben, die Ernte meines Prachtbaums) habe ich das entsaftete Mus püriert und auf Folien gestrichen. Seit Tagen trocknet es auf sachter Temperatur vor sich hin. Mit meinen Pfirsichen habe ich das auch gemacht und es kamen hauchdünne Plättchen dabei heraus, die auf der Zunge in einem fantastischen Geschmack nach sonnenreifem Pfirsich schmelzen. Die Quitten sind ein bisschen dicker aufgetragen und sie sind viel kratziger als die weichen Pfirsiche. Aprikosen haben wir getrocknet, ein liebes Geschenk, die Früchte waren sonnenwarm, als ich sie bekam. So verschwindet die letzte Ernte nach und nach in Dosen, Gläsern, Flaschen. All die Brösel, die heute beim Abrebeln entstanden sind, sind beim Hausputz mitverschwunden, es ist wieder schön und frisch alles. So mag ich das gern.

Jetzt kann das Wochenende kommen, das dieses Mal im Heilpraktikerunterricht das heftigste Thema überhaupt hat – Suizidalität. Gut, dass wir est nächste Woche November haben und die Sonne noch scheint. Samstag werden die angehenden Cardeatherapeuten eine wunderbare Technik aus dem 11. Jahrhundert kennen- und anwenden lernen und am Sonntag haben wir schon den Start der 2. Ausbildungshälfte im Kurs für den inneren Schulungsweg der Therapeuten. Da sind wir ganz tief eingestiegen in die Wesensglieder des Menschen, aber auch in die Menschheitsgeschichte, um ein grundlegendes Wissen anzulegen darüber, was den Menschen ausmacht. Sonst müssten Fragen wie „wo komme ich her, wo gehe ich hin“ offen bleiben und genau das sind aber die Fragen, die die Menschen zu uns führt.

Dankbar bin ich für die Praxisarbeit in dieser Woche. Was für eine Vielfalt an Sorgen und Nöten habe ich gesehen. Und wie viel Bewegung, Neu-Sicht, Stärkung von Herz und Mut war möglich! Oft genügen wenige Stunden und man hat wieder Kraft, kann Dinge neu angehen und ärgert sich fast, warum man so lange gewartet hat – nur Mut. Einfach hinschauen. Wo die Angst ist, da geht es lang, lautet ein alter Therapeutenspruch.

Wer sich auf einen spannenden Weg zu gelingender Kommunikation, Wertschätzung, Empathie und Authentizität machen möchte, ist herzlich eingeladen zu unserem Rogers-Kurs. Er startet am 4. November und es ist ein Sonntag im Monat, mehr Infos auf der Seite unter Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers. Der Kurs ist offen für alle, die das therapeutisch einsetzen möchten und alle, die gern mehr über sich selbst und ihre Art, mit anderen umzugehen, lernen möchten. Wir haben noch zwei Plätze frei!

Allen einen wunderbaren Freitag, dieser Tag ist Venus gewidmet.

Novembernebel

 

Novembernebel

In meinem Kopf

In meiner Seele

Novembernebel

Undurchdringlich

Schemenhaft

Gedanken ruhen

Ruhen aus

Ideen bleiben noch undurchsichtig

Absichten unklar

Die Sinne ergeben sich in einem erholsamen Schlaf

In Erwartung auf die Aussicht

Wenn sich der Nebel verzieht

Novembernebel

In meinem Kopf

In meiner Seele

Margot Bickel

Donnerstags-Nachdenk-Input

Etwas geht um. Es geistert durch die Menschenherzen und raubt dort etwas, was wir kaum mehr draußen finden: Selbstwert. Es ist überall, es frisst sich durch alle Schichten, jedes Alter und ist unaufhaltsam. An die Stelle des Selbstwertes setzt es Egoismus und weil ja ein Platzhalter da ist, bemerken die Menschen den Verlust des Selbstwerts oft eine ganze Weile nicht.

Da belegen wir so feine Selbstoptimierungsseminare, schwätzen Sätze nach wie „ich sorge gut für mich“ oder „ich achte gut auf mich“ und wundern uns kein bisschen über Paketstapel mit sinnfreien Produkten, die wir online shoppen, um innere Leere zu stopfen oder schneiden unsere Haut kaputt, um genau diese Leere durch „ich spüre mich“ zu ersetzen, lesen Bücher über das Glück, haben viele Freunde und was sonst noch, aber im Herzen ist es still. Leer. Keiner daheim.

Was ist das also? Als Herkules versuchte, die Hydra zu töten, stellte er fest, dass für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen und die Hydra zudem auch einen unsterblichen Kopf hatte. So ähnlich geht es uns, wenn wir statt „Selbst“ „Ego“ meinen und füttern, was das Zeug hält, aber niemals satt werden, weil das Ego dauernd neue Forderungen in den Raum stellt, uns wie verrückt auf Trab bringt, aber es nicht satt wird, nicht warm wird, nicht still wird.

Martin Buber hat geschrieben „Der Mensch wird am Du zum Ich“ und da steckt viel Erkenntnis drin. Wer permanent um sich selbst als die Sonne des Universums kreist, erschafft vielleicht ein eigenes Universum, aber er wird nicht in Herzenskontakt kommen. Wir brauchen das Gegenüber, den anderen Menschen, seine Nähe, seine Worte, seine Erkenntnisse, um im Austausch zu stehen, um zu erleben, dass Geben oft mehr Freude bereitet als Nehmen, um zu begreifen, dass alle Menschen einsam wären, wenn sie sich nicht die Hand zum gemeinsamen Tun reichen würden. Dazu müssen wir den Blick vom Display heben. Ärmel aufkrempeln. Arbeit und Not sehen und etwas tun. Uns bewegen. Und erfahren – gemeinsam bewältigte Probleme schweißen zusammen. Fair ausgetragene Konflikte lassen uns die Menschenwürde. Offene Augen und wacher Sinn zeigen uns nicht nur, was schief geht auf der Welt, sondern auch ihre Schönheit. Offene Hände sind eine Einladung zum Kontakt. Reichen wir sie oder nehmen wir sie an. Und erfahren im Tun, dass wir wertvoll sind. Dass wir verstehen, dass Selbstwert entsteht, indem man sich selbst ernst nimmt, sich selbst die Würde gibt, sich selbst achtet, damit man „seinen Nächsten lieben kann wie sich selbst.“ Denn erst dann kann man genau das. Dann sind wir wieder vollständig, weil Menschen eben nur fliegen können, wenn sie sich umarmen, wie wir nicht nur seit dem Film „Wie im Himmel“ wissen.

Allen einen freudigen Jupiterdonnerstag.

 

 

Blätterfall

Der Herbstwald raschelt um mich her.
Ein unabsehbar Blättermeer
Entperlt dem Netz der Zweige.
Du aber, dessen schweres Herz
Mitklagen will den großen Schmerz:
Sei stark, sei stark und schweige!

Du lerne lächeln, wenn das Laub
Dem leichteren Wind ein leichter Raub
Hinabschwankt und verschwindet.
Du weißt, dass just Vergänglichkeit
Das Schwert, womit der Geist der Zeit
Sich selber überwindet.

Christian Morgenstern, 1871 – 1914

Danke an Steffen für das Foto aus dem Herbstwald!

Mittwochs-Nachdenk-Input

Jetzt geht die hochluxuriöse Zeit wieder an. Morgens, wenn wir schwimmen, ist es stockfinster. Solange die Temperaturen über 3 Grad plus sind, ist ab 6.30 Uhr das Außenbecken offen. Und das ist echt der Hit. Im krassen Solewasser kann man ja bestens auf dem Wasser liegen, ohne sich auch nur minimalst rühren zu müssen. Das Wasser nebelt wie verrückt, weil es so warm ist (einziger Nachteil). Am Rand des Beckens die uralten Thujen, die ihre Häupter noch verschlafen zusammenstecken und vor sich hinmurmeln im leichten Morgenwind. Am Himmel die Sterne. Großer Wagen, Gürtel des Orion, Vollmond – perfekt sichtbar. DAS sind die vier Minuten am Morgen, die ich als Extremluxus des Tages betrachte. Wenn die übliche Schwimmrunde geschafft ist, gibt es die paar Minuten rumhängen als Belohnung. Im Sommer guckt man halt in den blauen Sonnenhimmel um die Uhrzeit, das ist oberlangweilig (sorry). Jetzt aber – das größte Märchenbuch der Welt ist aufgeschlagen, man kann die Sterne leuchten sehen, funkeln, zwischenrein bewegen sich die Flieger nach Frankfurt und von Frankfurt und ich überlege, wo sie hinfliegen. Man schwebt fast über den Wassern und hat es muckelig warm (naja, deshalb vier Minuten, ich will ja keinen Hitzschlag haben). Toll. DAS ist es, warum mir Schwimmen im Winter extrem gut gefällt.

Allen einen Wochenteilungstag mit genug Vollmond zum Schauen, Sternen zum Träumen und ausreichend warmem Wasser. Wenn schon nicht als Regen von oben.

 

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