Dienstags-Nachdenk-Input

Sich treiben lassen – das ist das, was wir im Urlaub üben. In den Tag hineinleben und verwundert feststellen, dass er vorbeigeht ist eine Erfahrung, die die Ferienmenschen derzeit vielleicht machen. Ohne Uhr, ohne Zeitmesser, verlieren wir im Urlaub schnell das Gefühl für Tag, Datum und Uhrzeit. So mancher stand einen Tag zu spät im Flughafen, weil er aus der Zeit geraten ist.

Was Seneca vermutlich eher aufregte, war die Erkenntnis, dass wir oft nicht wissen, wie wir von A nach B gekommen sind vor lauter Träumerei unterwegs und Abgelenktsein. Das nennt er schimpflich und für ihn ist gehen offensichtlich ein achtsamer Prozess. Am Samstag hab ich mir beim Warten auf einen Zug viele Menschen angeschaut, die die Bahnhofshalle gequert haben. Manche sehr zielgerichtet zu den Gleisen, andere sehr zielgerichtet nach draußen zur Straßenbahn oder zu abholenden Menschen. Andere sind wie kleine Inseln durch die Halle geschwommen, hier mal in einer Zeitschrift geblättert, dort einen Kaffee geholt, noch schnell Shampoo kaufen und dann aber in größter Hektik beim Blick auf die Bahnhofsuhr Sprint zum Gleis. Der Bahnhof ist wie ein Hafen, an dem Schiffe anlegen und abfahren, dazwischen ist die Halle wie eine Pufferzone, in der holt man sich Proviant zum Essen, zum Lesen, vertreibt sich die Zeit und überlegt, ob Nudeln vom Asiaten noch gehen oder doch nur das belegte Brötchen reinpasst. Hier eine Auskunft, dort ein Blick. Menschen fallen sich in die Arme, trennen sich. Mikrokosmos Bahnhof als Abbild für den Makrokosmos Welt. Ich erinnerte mich an die Aussage von Beuys, dass moderne Einweihungen im Hauptbahnhof stattfinden, also mitten in unserem Leben. Dieser Gedanke hat mich das gesamte Wochenende begleitet. Wir erleben Einweihungsmysterien im Alltag, früher waren das jahrelange Ausbildungen, abgeschottet von der Welt. Ob uns das allen so bewusst ist, dass unsere Schicksalsschläge Prüfungen auf dem Weg zur geistigen Welt sein können? Vermutlich ist uns der Bahnhof da als alltägliches Durchgangstor zwischen zwei Welten näher. Ein bisschen was von Gleis 10 ¾ wie bei Harry Potter hatte diese Bahnhofszeit auch, denn Rowling greift das Thema zweier Welten da auch ganz bewusst auf. Also Frage: Welche Welt wählst du heute, ob mit oder ohne Bahnhof?

Allen einen aktiven Dienstag.

Danke an das Wanderstiefelfoto von Theresa

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