Donnerstags-Nachdenk-Input

Etwas geht um. Es geistert durch die Menschenherzen und raubt dort etwas, was wir kaum mehr draußen finden: Selbstwert. Es ist überall, es frisst sich durch alle Schichten, jedes Alter und ist unaufhaltsam. An die Stelle des Selbstwertes setzt es Egoismus und weil ja ein Platzhalter da ist, bemerken die Menschen den Verlust des Selbstwerts oft eine ganze Weile nicht.

Da belegen wir so feine Selbstoptimierungsseminare, schwätzen Sätze nach wie „ich sorge gut für mich“ oder „ich achte gut auf mich“ und wundern uns kein bisschen über Paketstapel mit sinnfreien Produkten, die wir online shoppen, um innere Leere zu stopfen oder schneiden unsere Haut kaputt, um genau diese Leere durch „ich spüre mich“ zu ersetzen, lesen Bücher über das Glück, haben viele Freunde und was sonst noch, aber im Herzen ist es still. Leer. Keiner daheim.

Was ist das also? Als Herkules versuchte, die Hydra zu töten, stellte er fest, dass für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen und die Hydra zudem auch einen unsterblichen Kopf hatte. So ähnlich geht es uns, wenn wir statt „Selbst“ „Ego“ meinen und füttern, was das Zeug hält, aber niemals satt werden, weil das Ego dauernd neue Forderungen in den Raum stellt, uns wie verrückt auf Trab bringt, aber es nicht satt wird, nicht warm wird, nicht still wird.

Martin Buber hat geschrieben „Der Mensch wird am Du zum Ich“ und da steckt viel Erkenntnis drin. Wer permanent um sich selbst als die Sonne des Universums kreist, erschafft vielleicht ein eigenes Universum, aber er wird nicht in Herzenskontakt kommen. Wir brauchen das Gegenüber, den anderen Menschen, seine Nähe, seine Worte, seine Erkenntnisse, um im Austausch zu stehen, um zu erleben, dass Geben oft mehr Freude bereitet als Nehmen, um zu begreifen, dass alle Menschen einsam wären, wenn sie sich nicht die Hand zum gemeinsamen Tun reichen würden. Dazu müssen wir den Blick vom Display heben. Ärmel aufkrempeln. Arbeit und Not sehen und etwas tun. Uns bewegen. Und erfahren – gemeinsam bewältigte Probleme schweißen zusammen. Fair ausgetragene Konflikte lassen uns die Menschenwürde. Offene Augen und wacher Sinn zeigen uns nicht nur, was schief geht auf der Welt, sondern auch ihre Schönheit. Offene Hände sind eine Einladung zum Kontakt. Reichen wir sie oder nehmen wir sie an. Und erfahren im Tun, dass wir wertvoll sind. Dass wir verstehen, dass Selbstwert entsteht, indem man sich selbst ernst nimmt, sich selbst die Würde gibt, sich selbst achtet, damit man „seinen Nächsten lieben kann wie sich selbst.“ Denn erst dann kann man genau das. Dann sind wir wieder vollständig, weil Menschen eben nur fliegen können, wenn sie sich umarmen, wie wir nicht nur seit dem Film „Wie im Himmel“ wissen.

Allen einen freudigen Jupiterdonnerstag.

 

 

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