Author page: Christoph Krokauer

Tipps gegen Stress

Nachdem unser Gehirn mit der Ausstattung des Frühmenschen auf Stress reagiert, als wären der Telefonanruf, die Ansage vom Chef, der Straßenlärm oder was immer uns nervt der Säbelzahntiger, der unser Leben bedroht, müssen wir an anderen Stellschrauben drehen, wenn wir mit Chaos im Leben klarkommen wollen. Sprich: Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass unser jüngster Hirnteil, der präfrontale Kortex, unterscheidet zwischen überflüssigem Anschiss und Lebensgefahr, sondern müssen vorher das System entspannen (davon mal ganz abgesehen: Ein dauergestresstes Gehirn KANN nicht mehr unterscheiden!).

Wie geht das? Pfarrer Kneipp vertrat da ziemlich hochmoderne und hilfreiche Ansichten. Er propagierte eine kräftige, einfache, saisonale und regionale Küche. Tägliche Bewegung an der frischen Luft war ihm ebenso wichtig wie der Einsatz von Heilkräutern (auch als Küchenkräuter oder Tees), über allem schwebte die gesunde Lebensordnung (die hochmodern ist übrigens) und der bekannteste Teil der Kneippanwendungen, der Einsatz von Wasser.

Was hilft bei Stress? Wie wäre es, wenn du morgens aus dem Bett mit gut gewärmten Füßen kommst und dann als erstes ein paar Schritte übers nasse Gras im Garten gehst? Alternativ kannst du im Zimmer bei geöffnetem Fenster Zimmergymnastik betreiben. Am Mittag nach dem Essen könntest du dir einen Leberwickel zur Verdauungsförderung gönnen mit Schafgarbentee oder besser noch kalt aufgelegt und nachruhen (entgiftet und ist ein Geheimtipp vor allem bei depressiver Verstimmung) oder ein Armbad nehmen, was als Kneippespresso gilt und am Abend bringt dich nichts schneller in den Schlaf, als mit warmen Füßen einen kalten Knieguss zu nehmen oder den gesamten Körper in wenigen Minuten mit kaltem Essigwasser abzureiben und danach gleich  ins warme Bett zu steigen – das Kopfkino hat dann Pause.

Wer nicht rechtzeitig für seine Gesundheit sorgt, braucht später viel Zeit fürs Kurieren von Krankheiten. Kneipp hat Hilfen für zahllose Lebenslagen entwickelt – allesamt höchst wirksam und hilfreich, auch im Hinblick auf die Stärkung unseres Immunsystems. Einfache Sachen, die jeder selbst daheim machen kann, denn einen Wasserschlauch hat jeder oder eine Dusche, an die man ein Gießrohr anbringen kann. Wir werden in Zukunft wieder sehr viel mehr selbst für unsere Gesundheit tun müssen, weil die Kassen überlastet sind  und wir lernen dürfen, dass Gesundheit zunächst ein Thema jedes Einzelnen ist. Dann kann man es doch auch mit bewährten, schlichten und höchst alltagskompatiblen Dingen versuchen, oder? Wir werden euch immer wieder hier hilfreiche Tipps dazu geben, die jeder selbst problemlos in den Alltag einbauen kann, denn die Anwendungen Kneipps sind in aller Regel Sekunden- bis Minutensachen.

 

Mal für euch hier eine meiner Zeichnungen, die die Lernenden bei uns oft genug tapfer erdulden müssen – der Mensch der Frühzeit war sehr oft in Lebensgefahr. Bei Stress reagiert unser Gehirn nach wie vor wie damals – Angreifen oder Flüchten waren die Alternativen.

Dann kommt das Ach und Weh

Alles will gesund und kräftig sein und lange leben, aber tun will man nicht; da lässt man alles gehen, was dazu verhelfen, könnte; so töricht lebt und handelt man. Wenn dann aber das Übel da ist, wenn einem das Messer an der Kehle sitzt, dann kommt das Ach und Weh.

Sebastian Kneipp, 1821-1897

Pfarrer Kneipp, vor 200 Jahren geboren

Achte den Genius loci

Kälte unter den Menschen ist ein schwerwiegendes Problem. Einsamkeit wird wie körperlicher Schmerz verarbeitet und Kälte schließt aus. Kälte entsteht, wenn Menschen Mobbing erleben, wenn Kinder nicht mitspielen dürfen, wir ausgegrenzt werden. Wärme entsteht, wenn sich Arme, Herzen oder Türen öffnen, wir uns willkommen fühlen und aufgenommen.

Es kann so einfach sein, sich wohl zu fühlen. Natürlich verwirren uns Menschen, die anders denken, sprechen oder leben wie wir. Das liegt in der Natur der Sache. Wir kennen ihr Leben, ihre Sprache, ihr Land, ihre Religion vielleicht nicht oder haben nur etwas darüber gehört, was wenig nutzt. Etwas hören heißt nicht, etwas zu wissen, sondern sorgt oft genug für Fehleinschätzungen. Wir glauben auch oft, wir müssten andere Menschen verstehen, um mit ihnen arbeiten und leben zu können. Ich fürchte, dass wir dieses Kriterium an unsere Zeit anpassen müssen. Wir werden nicht mehr warten können, ob und bis wir alle anderen Menschen, um mit ihnen über die Zukunft des Planeten zu sprechen.

Was braucht es? Die Bereitschaft, Menschen zu belassen, wie sie sind. „Urteile erst über einen Menschen, wenn du drei Monde in seinen Mokassins gelaufen bist“, heißt es in einem sehr hilfreichen Sprichwort. Wer nicht drei Monde Zeit hat, darf den Gesprächspartner einfach mal so nehmen, wie er ist. Jeder ist jenseits aller Religion, Sprache, Kultur etc. schlichtweg Mensch mit vergleichbaren Bedürfnissen, eben geprägt durch den genius loci, den Geist des Ortes, wo er lebt und agiert. Wir kennen das oft nicht, sondern brauchen einen offenen Geist, um miteinander die übergeordneten Weltthemen zu besprechen.

Vorschlag: Der Planet hat nicht mehr alle Zeit der Welt, um erhalten zu bleiben. Wie wäre es, wenn wir unsere Befindlichkeiten im Großen (damit ist die weltpolitische Bühne gemeint) und im Kleinen (das gilt für jeden Einzelnen von uns) beiseite schieben, weil sie nicht lösbar sind (wenn wir warten, bis Länder die Menschenrechte anerkennen, Kriege beenden etc. werden wir niemals vorankommen) und uns den übergeordneten Themen des Planeten zuwenden? Wenn wir da auf guten Wegen sind, haben wir die „Fremden, Anderen“ vielleicht schon etwas besser kennengelernt, falls nicht, wäre dann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen, von anderen zu lernen, zu hören und zu staunen, wie sie mit Dingen umgehen.

Für uns sind Kartoffeln ein Alltagsprodukt, in anderen Ländern ein kostbares Geschenk der Pacha Mama, der Erdmutter, die unzählige Sorten wachsen lässt – allein an diesem Beispiel können wir so vieles voneinander erfahren, neu Respekt erleben, den Horizont erweitern und erleben: So hab ich das noch nie gesehen, das ist ja interessant! Dann verändern sich auch unsere Scheuklappen, sie werden weit, im Idealfall fallen sie ganz ab.

Wärmen wir unser Herz. Sorgen wir für warme Füße und Hände und öffnen die Herzenstür für die Menschen, die Begegnung brauchen, um aus der Erstarrung zu kommen.

Allen einen kraftvollen Dienstag!

 

Das Foto zeigt die Steinstelen im Sonnenlicht. Großartig, wie sie Landschaft prägen und rahmen.

Sei herzlich!

Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben wie wir sind.

Albert Schweitzer, 1875–1965

Die Rose im ersten Frost des Herbstes – zauberhafte Glitzerdiamanten im frühen Morgenlicht.

Vom Gleichgewicht oder: Der Barfußindianer

Ich liebe dieses Foto wegen der beiden Steinstelen im Garten von Primavera. Sie erinnern mich stets an das Wort „Erdakupunktur“, das ich vor Jahren bei Marko Pogacnik entdeckte, der mit solchen Steinstelen Landschaften ins Gleichgewicht bringt. Es kann eine wundervolle Aufgabe sein, sich um Gleichgewicht zu kümmern, oder? Alles im Leben strebt nach Homöostase, dem Ausgleich in Systemen. Ein gestresstes System wünscht sich Entspannung, ein gelangweiltes Abwechslung, ein krankes Gesundheit und so weiter. Alles strebt nach Ausgleich. Deshalb sind wir immer wieder eingeladen, zu prüfen, ob wir uns nach großen Ausschwüngen in die eine oder andere Richtung wieder einmitten können.

In Märchen ist der mittlere Weg oft der zielführende, den manchmal der „Dummling“ geht, der unbewusst Agierende, der sich jedoch nicht von seinem Ego auf andere Wege hat wegleiten lassen. Das Ego, unser Willi-Ich, das dauernd etwas haben will und hat es was, stellt es fest, dass das Gras des Nachbarn grüner ist und deshalb muss sofort … ihr kennt das Muster.

Die Natur findet im Lauf vieler Jahrtausende ihr Gleichgewicht wieder, wenn nicht eingegriffen wird. Wir finden auch unser Gleichgewicht, wenn uns bewusst wird, wo wir die Mitte verloren haben. Dann können wir aktiv den Ausgleich suchen. Ein entspanntes Leben auf Dauerschleife wäre vermutlich allen irgendwann zu langweilig, nur Stress macht krank.

Das krasseste Entstressungsmittel habe ich diese Woche erlebt. Auf dem Programm der Fortbildung stand „Barfußpfad gehen“. Wir alle wegen der Temperaturen gut eingemummelt am Start. Der Barfußindianer kommt, Toni Fenkl. Im Hemd mit Weste drüber, Ärmel aufgekrempelt, mit Sandalen ohne Socken und kurzer Lederhose. Alle Mann Schuhe aus und die ersten 200 Meter über die gefrorene Wiese, weil Bodenfrost. Der Pfad ist knapp zwei Kilometer lang. Er führt durch stehendes und fließendes Gewässer, durch ein Schlammloch, über Steine, Balken, Blähtonkügelchen (die Hölle!), das kalte Gras kam uns mit der Zeit wie der weichste Teppich vor. Bei uns allen waren am Mittag die Füße warm wie vermutlich noch nie im Leben. Die Referentin des Nachmittags wunderte sich über eine restlos stumme Klasse, weil wir so fertig waren, dass keiner mehr irgendwas sagte und um 19 Uhr nach Kursende war wohl keiner von uns mehr in der Lage, irgendwas zu machen. Bestückt war die Wanderung mit Toni mit besten Zitaten von Kneipp, einem unglaublichen Wissen, der Einladung, jederzeit Schuhe wieder anzuziehen, wenn nötig – was ich zwischendurch durchaus auch mal gemacht habe – damit jeder lernt, auf sein Gefühl zu hören, und unfassbar viel Wissen, das auf dem Weg vermittelt wurde. Die Erfahrung war so, wie Toni das vorhergesagt hatte: „Ihr werdets merken, wie gegroundet ihr neudeutsch gsagt dann seid.“ Sprachs, sprang sandalenbekleidet und weiterhin ohne Jacke und Socken auf sein Radl und fuhr mit wehendem Bart und Haar mit blitzenden lebendigen Augen an uns vorbei nach Hause. Tiefsten Respekt für diese eindrückliche Lerneinheit. Übrigens ist das jetzt mehrere Tage her und keiner ist krank geworden bisher. Soviel zu unserer fixen Vorstellung, das man sofort krank wird, wenn man Ende Oktober barfuß anderthalb Stunden herumrennt im Freien.

Wo bist du schon eingemittet und wo brauchst du dringend einen Ausgleich? Wenn dir das im Moment gar nicht greifbar erscheint – Ende November starten wir mit dem Mitte-Kurs, vielleicht suchst du ja nach alltagstauglichen Miniinterventionen, um dich innerlich runterzufahren? Hier ist der Link zum Kurs:

https://www.seelengarten-krokauer.de/mittefinden/

 

Von Herzen einen guten Start in die neue Woche. Es ist ja nicht so häufig, dass ein neuer Monat auch mit einem Montag beginnt. So etwas finde ich großartig.

Freundliche Mittel

Das Wasser ist nicht böse, es ist ein liebliches, ein freundliches Mittel der Besserung und Heilung.

Sebastian Kneipp, 1821–1897

Dieses herrliche Armbecken steht im Garten von Primavera.

Bist du freundlich?

Morgenstern, dessen Galgenlieder ich sehr schätze, war dem Gras gegenüber schonungsvoll beim Darübergehen, denn ihm war bewusst, dass die meisten Menschen darauf nicht sonderlich achten. An dieser „Grausamkeit der Menschen“ hat sich nichts verändert. Morgenstern allerdings bemerkte auch die Grausamkeit der Natur, die gnadenlos sein kann. Auch das ist ein bedeutsamer Umstand, denn die Natur kann sich heftig zeigen in Wind, Sturm, Wasser, Erdbeben und Feuer. Dann sind wir Naturgewalten hilflos ausgeliefert, denn dagegen können wir uns nicht schützen.

Ein schonungsvoller Umgang mit allem wäre ein Verhalten, das wir heute so fein mit dem Begriff der Achtsamkeit umschreiben. Achtsamkeit ist eine wunderbare Alltagsübung übrigens. Dieser Tugend frönen wir bei unserem neu startenden „Mittekurs“, bei dem es an den Kurstagen um die Frage nach der eigenen inneren Mitte geht, die bei vielen Menschen in den letzten Monaten verloren gegangen ist. Unsere Mitte wieder finden – mit kleinen Alltagsübungen und Bewegungseinheiten, die uns helfen, wieder mehr ins Bewusstsein für uns selbst und die Welt zu kommen auf eine ruhige, unaufgeregte Art. Wir sind oft zu schnell auf 180 in dieser Welt, das muss gar nicht sein und bringt auch wenig. Mehr innere Ruhe, Eingemittetsein, Kraft wahrnehmen ist hilfreich und genau das geht uns immer wieder und immer mehr verloren.

Ab und an dürfen wir uns erinnern. An unsere Kraftquellen, unseren Weg, unser Sein. In Ruhe, in Freude, in Freundlichkeit uns selbst gegenüber.

Bist du freundlich dir selbst gegenüber oder nur zweckbestimmt gegenüber anderen? Bist du echt, authentisch oder schillert deine Oberfläche und spiegelt, was dein Gegenüber sich vorstellt? Folgst du dem Wahren, Schönen und Guten im Leben?

 

Allen einen freundlichen Gruß zu einem hoffentlich guten Wochenende mit einem Bildergruß vom Primaveragarten in Oy-Mittelberg, wo wir kürzlich zu Gast sein durften.

Schonungsvoll sein

Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der bemüht sich, selbst in kleinen Dingen wie dem Niedertreten des Grases schonungsvoll zu sein.

Christian Morgenstern, 1871 – 1914

Es ist zwar kein Gras, aber faszinierend, dass an diesem Schilfrohr die Samen wie Löwenzahnblüten hervorquellen.

Immer schön aktiv bleiben …

Meer und Strand! Oh ja. Manchmal wünscht man sich einfach mehr Meer. Das ist natürlich wenig sinnvoll, wenn man relativ mittig im Land wohnt und das nächste Meer so rund acht Stunden Fahrtzeit entfernt ist. Da helfen dann Steffis Fotos schon ein wenig und für diejenigen, die im Sommer am Meer waren, können sie eine Erinnerung an die eigene Wassererfahrung sein.

Wir machen derzeit andere Wassererfahrungen, nämlich auf den Spuren von Sebastian Kneipp und wir gießen mindestens den halben Tag irgendeine Körperregion. Schenkelguss und verstärkter Knieguss. Wechselguss. Abguss nach dem Saunabad. Armguss. Brustguss, Gesichtsguss, Königsguss und vieles mehr stehen auf dem Stundenplan. Jeder bekommt den Guss selbst und gießt dafür einen Kurskollegen. Wir waren selten so sauber wie in so einer Ausbildung. Dazu kurz mal die Wiederholung der Waschungen – zack, das raue Linnen in Essigwasser getaucht (leitungskalt, wie ihr wisst) und ab geht’s, nach oben, nach unten, hin und her. Alles unter Ines‘ Argusaugen und vor der gesamten Gruppe, die dann kollektiv laut einschreitet, wenn man an der falschen Stelle weitermachen will. Das ist bei der Masse Güsse und Anwendungen im Kneippschen Repertoire gar nicht so einfach. In wenigen Wochen wird die Prüfung sein und da sollten wir das alles aus dem Ärmel schütteln können.

Dazu kamen am Wochenende Didaktik und Methodik und die Aufgabe, in einer Stunde zu dritt ein flottes Referat mit diversen Medien zu gestalten. Das haben wir geschafft – erkläre in 10 Minuten die fünf Säulen der Kneipp-Lehre. Tschakka! In die zehn Minuten haben wir echt fünf Übungen reingepackt. Geht doch!

Die Herausforderung wird das Rollenspiel werden. Ein Arzt, ein Patient und ein Bademeister. Spontan vorgegebenes Thema, Darstellung mit Indikationen, Kontraindikationen und dann das praktische Anwenden. Alles so, dass sich keiner langweilt. Davor Bürstenmassagetechniken. Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich darauf freue.

Gehirn ist ja relativ endlos dehnbar. Die Kneipp-Anwendungen sind auf jeden Fall mehr als einen Blick wert in unserer heutigen überreizten Zeit. Dazu Ines‘ Spezialität, die Original-Kneippzitate aus den Originalwerken des 19. Jahrhunderts (so man die Schrift lesen kann). Deftig, würde ich mal sagen wie beispielsweise: Beim Gießen halt’s Maul, sonst ist die Wirkung faul. Achtsamkeit auf bayerisch. Wir haben jedenfalls Spaß. So wir am Abend überhaupt noch fähig sind, erzählen wir uns unsere Lebensgeschichten und die sind allemal auch sehr spannend. Allerding stellen wir fest – alles nach 21 Uhr ist dann leider schon „too much“, wir gehen brav mit den Hühnern ins Bett, denn am nächsten Tag geht es wieder los mit Tautreten, Güsse wiederholen, ein kleines Quiz zu Pfarrer Kneipp zum Wachwerden oder irgendwelchen neuen Anwendungen, die wir testen und üben.

Diese sehr praktische Woche hat ihre Reize. Ist nur kurz seltsam, wenn man im strömenden Regen im sehr nassen Gras, von Schnecken überrascht bestaunt, steht und fühlen soll, wie die Körperwärme das Gras warm macht. Macht es. Und dann das feine Erlebnis, wie sich der Körper im Haus dann bei guter Bewegung fast wie von Zauberhand erwärmt. Tut er. Wider Erwarten. Naturwärme eben, wie der Wörishofener Ortspfarrer erfreut feststellte im Kampf gegen Weicheier und andere Folgen moderner Lebensweise.

Allen einen aktiven Dienstag mit Energie und Schwung, wie ihr es braucht, mit besten Grüßen aus dem Garten.

Urschreitherapie, anders

Hätte mir jemand vor Wochen gesagt, dass ich freiwillig in ein kaltes Bad springen würde, hätte ich das erstaunt zur Kenntnis genommen. Klar ist die Ice Bucket Challenge genauso wenig an mir vorbeigegangen wie die vielen Einladungen, ein Eisbad zu nehmen oder mich wenigstens im Frühling in irgendeinen gerade aufgetauten See zu stürzen. Sagen wir es so – ich war bislang noch nicht so weit. Wim Hoff-Videos fand ich super, keine Frage, aber das selbst probieren eher nicht.

Die zweite Ausbildungswoche bei Kneipp. Vor uns steht extrem durchtrainiert Diplomsportlehrerin Ines. Sie mustert ihre Rekruten kritisch. Wir können auf ihrer Stirn förmlich lesen, dass sie uns für Warmduscher hält, die nach einer Runde joggen durch den Park schon beatmet werden müssen. Deshalb fängt sie klein an. Alle Mann raus auf den triefnassen eiskalten Rasen zum Tautreten. Dumm, dass die Schnecken da noch die Herrschaft über den Rasen haben. Ohne Rücksicht auf Verluste müssen wir in schnellem Tempo übers Gras glitschen, stets in der Hoffnung, keine Schnecke zu erwischen, was allerdings schnell sinnlos wird. Danach im Kreis mit Gymnastikübungen weiter, dann erst ab ins Haus. Wer gedacht hat, dass jetzt Socken anziehen und sich einen heißen Tee holen angesagt ist – Fehlanzeige. Es geht weiter mit Zimmergymnastik. Wir müssen den Fuß bewusst abrollen, was dadurch erschwert wird, dass Ines uns auffordert, das auf der Stelle zu tun. Roll mal auf der Stelle bewusst den Fuß zu Elvis ab. Im Tempo der Musik natürlich. Spätestens nach einer Minute brennen die Waden wie Feuer. Ines freut sich, dass wir jetzt auch unsere Wadenmuskeln kennen.

Sie ist kein Freund von allzu viel Theorie, wir fegen in gutem Tempo durch die Skripten, weil plötzlich ein kleiner Sonnenstrahl draußen erkennbar ist und es jetzt endlich warm genug ist für die Güsse im Freien (es weht ein gut frischer Wind bis 15 Grad). Armguss. Knieguss. Schenkelguss. Brustguss (! Helden des Tages). Wie erwärmt man sich im Wind? Ganz einfach. Das Repertoire aus Jahrzehnten Weicheiertraining macht sich bezahlt. Ines schafft es, dass wir im kalten Wind schwitzen. Die Schnecken verlassen fluchtartig die Grasfläche. Jetzt kämpfen wir nur gegen rutschige Pilze und seltsame Zapfen, die sich auf nette Weise in die Fußsohlen bohren. „Ist das nicht toll, wie warm die Stellen dann schnell werden“, befindet Ines, ehe wir die letzte Runde zu Abba zur Freude der gesamten Umgebung traben, denn Ines freut sich, wenn wir alle unsere Lungen durch Mitsingen stärken (wir sind eine kleine Gruppe und haben sehr viel Wiese zur Verfügung, insofern alles Pandemie konform und gutes Lungentraining ist Abwehrtraining). Das ist das Beste für die Durchlüftung der Alveolen, lernen wir.

Erholung bei Theorie. Wir nähern uns dem Zitterthema aller (was wir uns vorher beim Mittagessen gestehen): Bäderkunde. Der nette Teil ist das Schnüffeln an Badezusätzen von Heuextrakt über Melisse und Fichtennadel, Rosmarin und allem, was fein ist.

Stunde der Wahrheit. Wir dürfen wählen zwischen Sitzbad, Halbbad und Wechselfuß- oder Armbädern. Einige entscheiden sich für die Arm- und Fußbäder. Ich suche seit Monaten eine Sitzbadewanne, finde keine und entschließe mich, zum Austesten wagemutig das Halbbad zu nehmen. Dabei sitzt man bis über den Nabel in der Badewanne mit frischem Wasser (leitungskalt nennt Ines das gern, es klingt viel besser als eisig und in Wahrheit ist das Wasser wirklich zwischen 16 und 18 Grad). Wir sind zu viert, da macht das Halbbad hoffentlich mehr Spaß. Einer kennt das schon und ist totaler Fan. Wir drei anderen sind eher skeptisch (Rubrik Warmduscher, wobei wir seit Monaten Wechselduschen und jede Menge Güsse üben, damit wir fit für die Prüfung im Oktober sind).

Ines sagt uns frohgemut, dass wir uns alle zum Wassertretbecken begeben sollen. Einatmen und beim Ausatmen ab ins Becken. Da wir zu viert sind und das Becken nicht gerade niedrig, halten wir instinktiv die Arme nach oben und atmen tief aus. Dann beginnt das Zählen von 21 bis 31 und fertig ist das Bad. Wir staunen. Das ist absolut der Oberknaller. Wir müssen alle lachen und freuen uns, dass das weder schlimm noch gruslig noch sonstwas war. Es war einfach nur super! Schnell raus aus den Badeklamotten (normalerweise macht man das ohne Textil am Körper), unabgetrocknet angezogen (da merkt man erstmal, wie das dann klemmt beim Anziehen) und ab auf die Liege mit dem dicken Wolltuch drüber zum Nachruhen. Binnen Sekunden ist Ruhe im Karton.

Ich suche keine Sitzbadewanne mehr. Das Halbbad ist so grundgenial, das wird ins Programm aufgenommen. Erweiterung des Tagesprogramms: Knieguss und Gesichtsguss hatten wir eh schon ebenso wie Armguss und Wechselduschen. Jetzt kommen zwei bis drei Halbbäder pro Woche dazu und für Helden der Brustguss (mal schauen, ob ich ein Held werden mag). Wenn da das Immunsystem nicht loslegt, weiß ich auch nicht.

Fazit: Wie kamen wir nur auf die Überlegung, dass warmes Duschen hilfreich sei, wo man doch viel frischer in den Tag starten kann, wenn das Wasser „leitungskalt“ ist, damit wir nicht leidenskalt werden. Schnell noch eine Runde Armkreisen, im Kreis zu Elvis hopsen (man gewöhnt sich) und eine Runde Urschreitherapie mit Hundehütte, Hundehütte wau wau wau. Jo. Da brauchst du nix mehr für den Tag. Ines wird mein persönlicher Lieblingstrainer. Sie ist die Erste, die es geschafft hat, mich wahrhaft zu motivieren, unglaubliche Dinge zu tun. Was daran liegt, dass ich mich einfach nicht traue zu sagen – oooch du, das Wasser ist mir heute echt zu kalt. Ganz ehrlich? Es ist echt nicht kalt, wenn man mal druntersteht. Echt nicht!

Allen einen frischen Start in die Woche. Beste Grüße aus dem Bootcamp. Im Hotel gibt es einen Warmwasserhahn. Liebe Güte, welche Weicheier steigen hier sonst so ab? Man braucht beim kalten Wasser ein wenig länger, bis der Schaum aus den Haaren geht. Aber Essigwasser soll eh gesünder sein, sagt Ines. Ich glaube, alles übernehme ich nicht. Ich hoffe, sie hat kein Internet (sie hat. Ebenso, wie ihr Mann einen Bioprenanzug hat. Ich hab auch einen jetzt).

 

Gruß aus dem Garten.

Sich heiterer fühlen

Alle Menschen werden die Wahrnehmungen machen, dass man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, freier atmet und sich körperlich leichter und geistig heiterer fühlt.

Jean-Jacques Rousseau, 1712-1778

Maike kann das nur bestätigen – sie liebt die Berge und schickt uns diese blaue Version. Herzlichen Dank!!

Momente der Bedeutsamkeit

Seltene Momente von höchster Bedeutsamkeit und dazwischen Intervalle – Nietzsche hat klar erkannt, dass viele Menschen nicht wirklich mehr in der Lage sind, die unfassbar bedeutenden Momente des Lebens wahrzunehmen, sondern selbst zu Pausen und Intervallen werden. Puuh, ich möchte keine Pause sein. Nietzsche war ein genauer Beobachter und in den letzten Monaten frage ich mich oft, ob wir noch in der Lage sind, die jeden Tag sich vor unseren Augen vollziehenden Wunder des Lebens wirklich zu erfassen, oder ob wir uns in einer Blase aus Angst und Verweigerung eingeigelt haben.

Diese Welt ist ein einziges Wunder, unser Körper ist ein gigantisches Wunder. Es fehlt uns an jeder Wertschätzung dafür. Vieles halten wir für selbstverständlich – es ist nicht selbstverständlich, dass wir atmen, uns bewegen, etwas essen oder schlafen können. Es ist das größte Wunder, wenn aus einer Ei- und einer Samenzelle ein Lebewesen entsteht, das die Möglichkeit hat, die gesamte Welt zu verändern. Jeder von uns ist geboren, um die Welt zu bewundern und den Platz darin einzunehmen, der für uns vorgesehen ist. Wir sind aufgefordert, der Welt die beste Version von uns selbst zu schenken, was bedeutet, unser Begabungen zu erkennen, auszubauen und unsere Talente und Fähigkeiten zum Wohl des Planeten und all seiner Bewohner einzusetzen.

Jeder an seinem Platz zählt. Meine Schwiegermutter mit ihren fast 97 Jahren weiß, dass sie aus vielerlei Gründen wichtig ist und einer davon ist, dass sie für uns alle betet. Sie nimmt all unsere Klienten und Schüler mit ins Gebet auf, weil sie weiß, dass heute sehr wenig gebetet wird und sie somit eine wichtige Aufgabe hat. Sie hat eine kleine Gebetsecke und dort brennt eine Kerze, stehen stets frische Blumen. Sie tut etwas im Kleinen, das vielleicht sehr, sehr groß und bedeutsam ist. Es kommt nicht darauf an, ob wir eine Erfindung machen, die Millionen Menschen das Leben leichter macht, etwas entdecken, was ein wesentliches Problem der Zeit lösen kann oder für andere Menschen beten. Es kommt darauf an, dass uns bewusst ist, dass jeder Einzelne seinen Beitrag dazu leisten kann, dass diese Welt Herz zeigt. Dass wir Wunder feiern und sie erkennen und für einander da sind. Dann können alle Herzen dieser Welt tun, wofür sie geschaffen wurden: Schlagen, um ein gutes Leben zu ermöglichen. Lieben, wachsen und beste Energie in die Umgebung aussenden, das ist die Qualität des „herzlichen Magnetfelds“.

Allen ein Wochenende voller Wunder und Inspirationen. Mit Herz und Verstand. Mit Liebe und aus der Freude heraus, der Dankbarkeit dafür, zu leben und Bestandteil des kollektiven Weltwunders zu sein.

Dieser Igel ist Bestandteil der Natur und selbst ein Wunder. Theresa hat ihn entdeckt und mit einem Foto für die Ewigkeit festgehalten. Dankeschön.

Ganz zum Herzen reden

Das Leben besteht aus seltenen einzelnen Momenten von höchster Bedeutsamkeit und unzählig vielen Intervallen, in denen uns besten Falls die Schattenbilder jener Momente umschweben. Die Liebe, der Frühling, jede schöne Melodie, das Gebirge, der Mond, das Meer – Alles redet nur einmal ganz zum Herzen: wenn es überhaupt je ganz zu Worte kommt. Denn viele Menschen haben jene Momente gar nicht und sind selber Intervalle und Pausen in der Symphonie des wirklichen Lebens.

Friedrich Nietzsche, 1844 – 1900

Ein Herz der sehr besonderen Art hat Steffi entdeckt! Danke!

Von der Natur lernen

 

Noch halten die Blätter manchen Regen auf, doch steckt der Herbst überall drin. Gestern habe ich einen Specht am Baum klopfen hören. Vielleicht braucht er auch noch ein Dach über dem Kopf, bevor der Winter kommt. Die Lindenbäume werfen ihre Samen ab. Da könnte ich stundenlang zusehen, wie die drei Kügelchen mit ihrem Schirm zu Boden trudeln. Das ist so großartig, was die Natur an Lösungen entwickelt hat. Ahorntänzer, Lindenblütentrudler, das Wunder der Schirmchen, die nicht nur Löwenzähne als geniale Methode nutzen – die Natur ist unfassbar kreativ.

Erinnern wir uns ruhig daran, dass wir Menschen Bestandteil der Natur sind. Nicht nur, dass uns das genaue Beobachten der Natur sehr viel helfen würde, um unsere Menschenprobleme zu lösen, sondern dass wir ebenso kreative Köpfe sein können.

Nehmen wir den Wald, der unserer modernen Welt sehr entspricht. Wie regelt der Wald seine Gesundheit, wenn man nicht von Menschenhand eingreift, um möglichst viel Holz oder anderes zu entnehmen? Wir haben eine enorme Vernetzung im Boden. Pilzgeflechte sind das älteste und bestens funktionierende Internet der Welt. Ein Pilz hat Fäden, die kilometerweit reichen können. Die Pilzfäden sind alle verwoben und geben Nachrichten weiter. Die Bäume kommunizieren mit Hilfe ätherischer Öle, ob Fressfeinde am Start sind, damit sich die Kollegen schützen können. Der Baum sondert Harz ab, wenn er verwundet ist und hat so das Pflaster und den Wundverband erfunden. Die Pflanzen wachsen dergestalt, dass jeder genug Licht hat – die einen im Frühling, wenn die Bäume drüber noch blattlos sind, die anderen brauchen weniger Licht oder nutzen eben die Lichtungen. Der Wald besitzt Unterholz, damit die Tiere ihren Lebensraum finden, deren Kot der Dünger und deren Nahrung alles ist, was sonst zuwuchern würde. Es ist ein perfekter Kreislauf, wenn man keine Monokultur betreibt. Ein System, das sich selbst hervorragend organisiert.

Ein Ameisenhaufen ist ein perfektes System mit klarer Gliederung, hocheffizient, bestens organisiert, ohne dass dauernd irgendwer Bußgeldbescheide ausstellen muss, damit der Laden läuft. Jeder Bien ist ein 37-Grad-Konstanttemperaturwunder, egal, wie warm oder kalt es ist. Überall in der Natur schaffen es die Lebewesen, ihr System in keiner Weise zu zerstören, jedes ist wichtig und gibt seinen Teil im Spiel von Leben und Tod, Fressen und Gefressenwerden. Es läuft einfach.

Allerdings gibt es in der Natur jenseits des Menschen nicht ganz so viel ausgeprägtes Ego. Selbst der größte Löwe, der dickste Hai holt sich nur so viel, wie er braucht. Er legt keine Vorräte an, beutet nicht aus und hortet nicht. Und nein, die gehorteten Nüsse der Eichhörnchen, die sie gar nicht alle wiederfinden, sorgen dafür, dass immer irgendwo ein neuer Nussbaum entstehen kann. Sie sind also quasi Nussbauern und erhalten so für die nächsten Jahrhunderte die eigene  Art mit.

Lernen wir vom Leben in der Natur, wie Gemeinschaft, Netzwerken und Kommunikation geht. Jeder Baum kommuniziert angemessener als mancher Mensch, der sich in Haterkommentaren ergießt.

Und nutzen wir die Natur, um zu staunen. Jetzt im frühen Herbst erleben wir dort ein Wunder nach dem anderen. Allen einen liebevollen Venustag.

 

Windrad im Gegenlicht. Steffi hat fotografiert, lieben Dank!

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