
Ich sitze über dem jährlichen Betreuungsbericht, suche Unterlagen für das Sozialamt zusammen und lese, dass die Windeln, die jahrelang gepasst haben, nicht mehr lieferbar sind und wir uns mit Ersatz befassen müssen. Was der Verwaltungsaufwand für einen schwerstbehinderten Menschen an Zeit frisst glaubt einem keiner. Mindestens zwei bis drei volle Tage im Monat gehen für Ämterangelegenheiten, Warteschleifen und anderes drauf, was nervt und dem Bruder an Zeit für seine Bedürfnisse fehlt (von meinen gänzlich abgesehen). Pflege hat Anteile, die nichts mit dem Alltag (der ist ohnehin krass) zu tun haben und on top kommen. Als ob eine Querschnittlähmung über Nacht schwindet, das geistige Fassungsvermögen Level Kleinstkind Uniniveau erreichen würde – ich muss es ständig neu bestätigen. Wir zementieren Pathologisches, anstatt den Alltag zu erleichtern durch Windeln, die weder scheuern noch Allergien auslösen, die richtige Größe haben. Ich wünsche mir Unternehmen, die für Menschen mit unüblichem Körperbau (oben Sumo, unten dünn) und Spezialwünschen (nicht eng am Hals, bequem zum Schlupfen, dehnbar ohne Ende, hautfreundliche Stoffe und leicht zu pflegen) Kleidung herstellen. Hilfen wie: Wer kennt vor Ort einen ambulanten Zahnarzt, der auf Menschen mit geistiger Behinderung und Panik vor Ärzten eingeht? Wie bewege ich jeden Tag einen Menschen, der sich nicht bewegen mag und nur begrenzt kann? Das wäre Hilfe. Der Rest ist Behinderung von Menschen mit Behinderung und jenen, die sie sehr liebhaben, pflegen und vor lauter Bürokratie und weil sie „nebenher“ auch noch einen Beruf und vielleicht ein Leben hätten, nicht (freundlich) antworten können auf die Frage: „Hast du dich am Wochenende erholt?“ Nee, hab ich nicht, weil ausschlafen in der Pflege ein Traum ist. Was ich habe: Einen fein aufgestellten durchgeknuddelten Bruder, der zwei neue Lieder kann und ein Stück mehr Vertrauen hat, dass die Welt doch gut sein kann.
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Beate war im Schnee unterwegs (sturmfrei) und hat das Foto mitgebracht. Danke!














