Vom Loslassen

Loslassen ist ein schwere Aufgabe. Wenn Menschen sehr aktiv waren lebenslang, Geschäftsleute, und dann nach und nach erkennen müssen, dass einkaufen nicht mehr alleine geht, weil man nicht zugleich den Rollator und den Einkaufswagen schieben, die Einkäufe nicht mehr festhalten geschweige denn einen Einkaufskorb tragen kann, sind das Momente, die schwerfallen. Treppen werden zu finalen Hindernissen, Teppichkanten zu Stolperfallen und Türschwellen zu sicheren Sturzverursachern. Bei einem Anruf ist nach dem Auflegen die Info einfach weg. Das mitgebrachte Rotkraut wird gewärmt, aber die Beilage vergessen. Dazwischen wieder alles fit, die Einkaufszettel werden im Supermarkt korrekt nach Regalinhalten aufgeschrieben.

Wir werden alle alt, keine Frage. Ich kann gerade sehr intensiv beobachten, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Manche sind hellwach im Kopf, interessiert, nehmen teil am Leben, indem sie Fragen stellen, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten noch versuchen, selbst Dinge zu erledigen und gehen ganz ergeben damit um, dass manche Tage die Knochen nicht mitspielen, die Augen einen im Stich lassen oder der Kreislauf Ferien hat. Andere beklagen lang und laut auch normale Malesten, die auftreten, wenn man älter wird, können so gar nicht annehmen, dass es jetzt Zeit wäre, einen Schritt zurückzutreten.

In Würde altern ist etwas, was nicht nur an einer Gesellschaft liegt, stelle ich fest. Es liegt auch daran, ob ich selbst würdevoll bin. Ob ich an Weisheit gewinne oder mich an einer längst nicht mehr vorhandenen Arbeitsfähigkeit aufhaue und jedem berichte, wie tüchtig ich noch bin, was dann zu pflichtschuldigen Pseudorespektbekundungen führt und hintenrum zur Frage: „Wieso ist denen denn das so wichtig? Können die nicht einfach mal in Ruhe alt sein?“

Es ist nicht einfach mit dieser Thematik. Dazu kommt ein Nierenversagen bei meinem behinderten Bruder, dessen eine Niere nun bald 52 Jahre gehalten, also für zwei gearbeitet hat. Die Sepsis steckt im in den Knochen, er erholt sich kaum davon. Auch hier sehe ich – wie geht man damit um, wenn ein Mensch mit massiven körperlichen und geistigen Behinderungen immer kränker wird und offenkundig leidet?

Loslassen muss man üben. Rechtzeitig. „Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, bevor er stirbt.“ Das wird Angelus Silesius zugeschrieben und die Bedeutung erschließt sich mir derzeit sehr intensiv. Da bekommt die mittelalterliche Übung des „Ars vivendi, ars moriendi“, die Kunst des Lebens und des Sterbens, neue Bedeutungen.

Allen ein frohes Üben darin, immer wieder etwas loszulassen, das Klammern sein zu lassen und sich selbst immer und immer wieder Würde zugestehen. Das kann ich im Außen geben, aber wer sich selbst nicht würdevoll verhält, sich für würdig empfindet, tut sich damit schwer. Dann wird auch nicht der Schritt in die Weisheit geschafft, was schade ist.

Allen einen sehr liebevollen würdevollen und freundlichen Freitag!

 

Gabi hat schon mit der Kamera eingefangen, wie durch die Sonnenstrahlen doch Einiges nun schon zutage tritt in der Natur. Danke!

 

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