Freitags-Nachdenk-Input

Sich selbst besiegen ist in Platons Augen der beste Sieg. Manche Menschen besiegen sich sehr oft selbst und es ist alles, aber kein Sieg, weil es ein Kampf ist, in dem sie sich selbst verlieren können. Ich vermute stark, dass Platon nicht an solche Krankheitsbilder gedacht hat, sondern hinter seiner Aussage etwas anderes steht, nämlich den Sieg über die vielen kleinen Schrulligkeiten, denen wir so gern unterliegen wider besseren Wissens.

Im Praxisalltag habe ich es oft mit dem Thema zu tun, dass Menschen sehr wohl wissen, was in Situationen das Richtige wäre, es aber nicht tun. Die Frage beschäftigt mich seit meiner Kindheit, warum Menschen tun, was sie tun. Als ich neun Jahre alt war, ging Nick Uts Bild des kleinen Mädchens Phan Thi Kim Phuc um die Welt, die als kleines Mädchen im Vietnamkrieg vor den Napalmbomben mit verbrannter Haut flüchtete. Das Mädchen war damals etwa so alt wie ich. Während ich das Bild betrachtete, hatte ich zu essen, ein zu Hause und Krieg war etwas weit Entferntes. Später bemerkte ich, dass mich gerade einmal 18 Jahre vom Ende des Zweiten Weltkriegs trennten. Dieses Foto war der Moment, in dem mir meine Lebensfrage klar wurde – was treibt Menschen an, Dinge zu tun oder eben nicht zu tun? Was ist der Grund, weshalb Menschen andere Menschen schlimmer misshandeln als jedes andere Geschöpf auf dem Planeten?

Während der Schulzeit war die Hoch-Zeit des RAF-Terrorismus. Wo immer man hinging, hingen die Fahndungsplakate der gesuchten Terroristen. Leichter Schauder überrieselte uns, wenn wir auf dem Weg zum Weltspartag mit unseren bunten Spardosen zuerst an der Banktür mit den Fotos konfrontiert wurden. Entführte Menschen, Hochsicherheitstrakt, Kalter Krieg, Lagerbildung, Atomdrohung und latente Kriegsangst. Ich vertiefte meine Fragen und hatte das Glück, durch ein Stipendium eingeladen zu werden in ein Seminar, in dem wir den Film „Animal Farm“ sahen und uns mit Rhetorik befassten. Warum überzeugen Menschen andere Menschen durch die Art ihrer Reden? Was entfacht so einen Sog, dass kluge, erwachsene Menschen aufstehen und Dinge gutheißen, die das nicht sind? Wir analysierten viele Reden und erkannten, dass Sprache Macht ist.

Für das Geschichtsstudium entschied ich mich, weil ich der Frage nachgehen wollte, was es mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs auf sich hatte. Ich sah, dass sie sich nahtlos an viele andere Gräueltaten in der Menschheitsgeschichte anschließen. In diesen Jahren zweifelte ich sehr stark daran, ob es überhaupt Sinn macht, in einer Welt zu leben, in der Menschen immer wieder so agieren, wie ich es gelernt, studiert, beobachtet hatte.

Auf der anderen Seite sammelte ich schon im Grundschulalter Zitate. Erst in Heften, dann auf Karteikarten. Zitate, die die andere Seite des Menschen zeigten – seine beispiellose Kraft, seine Talente, Fähigkeiten, sein Humor, die Schönheit, die Kraft der Liebe. Ein sehr anderes Bild vom Menschen sah ich, wenn Menschen Dinge wagten, die keiner zuvor gemacht hatte wie die Herzverpflanzung durch Christiaan Barnard oder mein erstes wahrhaft erinnertes Fernseherlebnis wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit, die Mondlandung. Menschen konnten durch den Weltraum fliegen, Sauerbruch hatte die Unterdruckkammer erfunden, Herzen waren verpflanzbar. So vieles schien möglich. Auch das gab es, diese lichte Seite.

In meiner Arbeit heute erlebe ich alle Seiten des Menschseins. Die stillen Kämpfer für das Gute, deren eigener Schatten sie aus der Bahn werfen kann. Die zynischen Lebensverachter, in deren Herzen zu ihrem Leidwesen ein mitfühlender Teil lebt, der stets agiert, wenn sie nicht damit rechnen. Die Menschen mit Bergen von Leid, die dastehen und aushalten, für andere noch Ohren und Hände haben. Die mit dem Überfluss, die daran ersticken, dass sie keine Ziele mehr haben, weil sie alles besitzen. Die mit der Frage nach dem Sinn, den Zweifeln, den Alltags- und Menschheitssorgen und der Angst.

Letztlich entscheidet immer nur unser Umgang mit den Fragen des Lebens darüber, ob wir unser Leben als lebenswert, sinnvoll, stimmig erachten oder nicht. Ebenso kommt es darauf an, welche Entscheidungen wir treffen anhand der Fragestellung Platons – entscheiden wir uns für das, was richtig ist und welche Instanz in uns weiß das? Viktor Frankl erkannte: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Allen einen wunderbaren Venustag voller kleiner und großer Siege über den Teil in uns, den wir so gern verniedlichend „inneren Schweinehund“ nennen. Er ist unser tägliches Übefeld auf dem Weg zur Menschwerdung.

 

Leuchtende Lampionblumen in bunten Gießkannen hat Sigrid mit ihrer Kamera entdeckt. Herzlichen Dank für die tollen Farben!

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