Author page: Christine Krokauer

Zufriedenheit

Zufriedenheit ist eine Meistertugend. Es ist schön, mit Menschen zu sprechen, die zufrieden sind. Bei denen es nicht dauernd darum geht, das Nächste zu wollen, noch ein Ziel zu erreichen, weiter, vorwärts, schneller, höher, weiter, sondern die auf der Bank sitzen, einen Tee trinken und einfach atmen.

In Zufriedenheit steckt der Frieden – Frieden, den man mit sich selbst, seinen Stärken und Schwächen, seinen Unzulänglichkeiten und Begrenzungen, schließt.

Zufriedenheit wird oft mit Genügsamkeit gleichgesetzt, das sehe ich ein wenig anders. Genügsame Menschen kommen mit allem aus, was ist. Zufriedene Menschen sind dankbar für das, was sie sich erarbeitet haben und können das wertschätzen.

Zufriedenheit ist ein therapeutisches Ziel in der Arbeit mit Klienten – wer es schafft, mit sich in Frieden zu kommen, seine Probleme zu erkennen und zu wissen, dass kein Leben von A nach B auf einer stets nach oben steigenden Zielgerade ist, wird ruhiger, nimmt sich Druck und kann sich leichter annehmen.

Die Staatliche Kommission für Bruttonationalglück in Bhutan fragt regelmäßig die Einwohner nach ihrer Zufriedenheit unter den Aspekten sozial gerechte Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft, Förderung kultureller Werte, Umweltschutz und gute Strukturen in der Verwaltung.

Wenn wir das in unser eigenes Leben übernehmen könnten, entstünde schnell mehr Zufriedenheit. Dies bedingt ein Ende des Vergleichs mit anderen. Wir sind eingeladen, selbst unser Maßstab zu sein und mit uns und dem, was wir bisher erreicht haben, anzufreunden. Es bedeutet nicht, nicht mehr nach etwas streben zu wollen, es bedeutet, das Erreichte anzuerkennen und wertzuschätzen.

In diesem Sinne friedliche Weihnachten.

Aus dem Inneren

Ein angenehmes und heiteres Leben kommt nie von äußeren Dingen, sondern der Mensch bringt aus seinem Inneren, wie aus einer Quelle, Zufriedenheit in sein Leben.

Plutarch, 45 – 125

Weisheit

Meinen ersten Kontakt zur Weisheit hatte ich über Märchen in den Gestalten von Frau Holle oder der  Großmutter aus „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, lange, bevor ich wusste, was Weisheit ist. Sophia/Sapientia, so lernte ich dann in der Schule, beschreiben das tiefe Verständnis, wie die Welt zusammenhängt und wie man bei Herausforderungen am besten vorgeht. Wer weise ist, lauscht seiner inneren Stimme, weniger dem Außen, das wird zur Beschaffung von Informationen herangezogen. Mein Vater schimpfte bei meinem Anblick gern „si tacuisses, philosophus mansisses“ (und meinte damit abschätzig, ich solle meine Klappe halten). Ich jedoch, bar jeglicher Lateinkenntnis im Vorschulalter, wertete das als Lob, denn dass Philosophen etwas Großartiges sind, wusste ich da schon im Ansatz.

Die weise Alte, der weise Alte – Archetypen, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Manche Götter gelten in den verschiedenen Religionen als weise, in der Bibel wird Salomons Weisheit gerühmt.

Weise wird von verständig, erfahren, klug, wissend abgeleitet, die Veden haben ihren Namen daher (er bedeutet Erkenntnis, Wissen, Einsicht). Weise ist nicht gewitzt, das beschreibt Schlauheit, Bauernklugheit.

Bei Homer ist sophia eher tüchtig sein, Sokrates nutzte das Wort „ich weiß, dass ich nichts weiß“ in einem heute oft falsch verstandenen Sinn. Platons Höhlengeheimnis zeigt Weisheit als das Erkennen der Realität anstelle der Schatten an der Wand und seit Platon zählt Weisheit zu den Kardinaltugenden. Im Osten ist Weisheit eine Beschreibung der Harmonie mit dem gesamten Kosmos.

Weisheit wird oft nicht erkannt und gesehen, erst im Rückblick bemerkt.

 

Für mich ist Weisheit bei einem Menschen von hohem Wert, wer weise ist in meiner Sicht muss nicht unbedingt klug im Sinne universitärer Bildung sein. Weisheit kommt oft im schlichten Gewand daher, erworben in der harten Schule des Lebens. Wer weisen Menschen zuhört, ist im Herzen beschenkt.

 

Allen wunderschöne Weihnachten.

 

 

Done. Jetzt hat alles seine Ordnung, im Wohnzimmer ist die kleine Bibliothek wieder eingeräumt.

Geist im Gleichgewicht

Denn Weisheit ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes, wodurch dieser im Gleichgewicht gehalten wird, damit er weder ins Übermaß ausschweife, noch in die Unzulänglichkeit falle. Verschwendung, Machtgier, Hochmut und ähnliches, womit ungefestigte und hilflose Menschen glauben, sich Lust und Macht verschaffen zu können, lassen ihn maßlos aufblähen. Habgier, Furcht, Trauer, Neid und anderes, was ins Unglück führt – wie die Unglücklichen selbst gestehen – engen ihn ein. Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, hält dann den Blick fest auf sie gerichtet… dann brauchte er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er sein Maß, nämlich die Weisheit und ist immer glücklich.“

Augustinus, Über das Glück, 4,35

Sandra hat dieses Buch am Strand entdeckt. Wie das wohl ins Wasser kam?

Verbindlichkeit

Verbindlichkeit – eine in diesem Jahr von mir schmerzlich vermisste Tugend. Sie ist eher im BGB zu finden, denn juristisch ist Verbindlichkeit ein wichtiger Begriff im bürgerlichen Recht.

Ich meine eher den sozialen Aspekt, dort ist Verbindlichkeit ein Normbegriff und eine Tugend. Gemeint ist, dass Menschen ausdauernd und standhaft sind, konsequent und klar, wenn sie einmal eine Zusage gemacht haben, sprich: Man kann sich darauf verlassen.

Als ich Kind war, wurden viele Geschäfte mit Handwerkern per Handschlag besiegelt. Man brauchte keine Auftragsbestätigung, man wusste: Das ist abgemacht. Vor Corona waren Kurszusagen Kurszusagen. Wer nicht erschien, war krank oder hatte wirklich triftige Gründe. Seit Corona gilt eine Zusage nicht mehr viel. Bei Handwerkern noch am ehesten – sie sind nach wie vor präzise, auch wenn die Wartezeiten lang sind. Da haben wir noch ein wenig mehr vom ehrbaren Kaufmann in den Köpfen. Doch bei Kursen und Veranstaltungen sind Zusagen nur Schall und Rauch, oder, wie es im Kulturwesen bereits heißt: Stattfinden ist das neue ausverkauft.

Für uns Menschen ist Verbindlichkeit der Garant für Verlässlichkeit. Darauf baut unser Gesellschaftssystem auf, dass wir halten, was wir zusagen. Dass wir uns an Vereinbarungen orientieren, damit wir planen können.

Je schlechter die Zeiten sind: Was Menschen zu allen Zeiten aufrecht erhält und innere Ordnung in Systemen, auch wenn der Rest zusammenbricht, bewahrt, ist das Vertrauen in das Wort eines anderen, in Wahrhaftigkeit, Ernsthaftigkeit, Verlässlichkeit und Menschlichkeit. Verbindlichkeit bedeutet für mich: Wenn ich etwas zusage, halte ich es ein, Ausnahme: Krankheit und/oder Tod.

Für 2023 wünsche ich mir, dass wir uns nach fast drei Jahren Chaos darauf besinnen, was wahrhaftig wichtig ist: Werte. Klarheit. Vertrauen. Mut.  Auf so einer Grundlage können wir jede Krise bewältigen. Die eigenen und die im Außen.

 

Allen einen schönen Venustag heute.

 

Für alle, die sich schon auf den Frühling freuen, das Foto heute von Theresa. Danke dir!

Unerschütterlichkeit

Mit „U“ gibt es einige Tugenden, meine Wahl fiel auf ein Wort, das ich seit Jahrzehnten liebe: Unerschütterlichkeit. Von klein auf lese ich Biografien. Am meisten beeindruckten mich die Lebensbeschreibungen, in denen Menschen wirklich grauenvolle, schwierige und herausfordernde Dinge erlebt, doch nie aufgebeben oder sich für länger in tiefste Verzweiflung gestürzt haben.

Die letzten fast drei Jahre haben jeden Menschen erschüttert in der Vielfalt der Probleme, die uns bewusst werden. Wir sind im Ausnahmezustand durch Kriege, Klimakatastrophe und die Erkenntnis, dass unsere Systeme nicht mehr tragen. Ähnliches erlebten die Menschen in der Antike. Im Außen Chaos und im Inneren der Wunsch nach Ruhe und Frieden. Die Philosophen der damaligen Zeit fanden, dass Seelenruhe/Ataraxie, dabei hilft, das eigene Schicksal anzunehmen, den Tag so zu nehmen, wie er kommt. Epikur empfahl, sich von Furcht, Trauer, zu viel Gier und vielem mehr zu befreien, um Unerschütterlichkeit zu erreichen.

Es geht nicht um nichts fühlen, sondern um seine Emotionen mit einem gewissen Abstand ruhig zu betrachten. Leben ist immer lebensgefährlich, daran ändern wir nichts, nur an der Tatsache, ob wir deshalb in Angst geraten oder nicht.

Wir haben viele Gründe zu Angst und Verzweiflung. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass die letzten Jahre für alle Menschen krass waren. Nicht jedem Menschen ist Seelenruhe und Unerschütterlichkeit gegeben (und schon gar nicht immer!). Manchen gelingt das eher, anderen weniger. Es hilft, wenn die unerschütterlichen Menschen andere einladen, gemeinsam Gewaltiges zu bewegen. Der Mensch ist kreativ und im Angesicht des Chaos nicht weniger als in ruhigen Zeiten. Ermutigen wir einander, anstatt uns zu bekämpfen. Dann können wir Krisen anders bewältigen, in der Übung von unerschütterlicher Seelenruhe des Geistes (die sicher nicht verhindert, dass uns die Knie schlottern, hier gilt das gute „und dennoch!“).

 

Allen einen unerschütterlichen Donnerstag.

 

Jeder in seinem Tempo. Sigrid hat die Schnecke für uns fotografiert. Danke dir!

Leben und Sterben

Leben muss man ein Leben lang lernen, und, darüber wirst du dich vielleicht am meisten wundern: ein Leben lang muss man sterben lernen.

Seneca, 4 v. Chr. – 65 n. Chr.

Am stillen Bergsee sitzen macht auch innerlich ruhig. Danke an Sigrid für das Foto!

Treue

Treue: Ein wunderbares Wort, eine feine Tugend. Treue ist selten und kostbar. Treu zu jemandem stehen bedeutet, sich an jemanden zu ankern, fest zu dieser Person zu stehen und mit ihr durch dick und dünn zu gehen. Die Grundlage von Treue ist Vertrauen in eine Person oder einer Sache gegenüber. Wer treu zu jemandem steht, ist verlässlich an seiner Seite. Sich selbst treu zu sein ist eine große Qualität und meint, nicht dauernd das Fähnchen nach dem Wind zu hängen, sondern sich eine Meinung in Ruhe zu bilden und dann dazu auch zu stehen (solange das vernünftig ist).

Treue spielt zwischen Partnern aller Art eine wesentliche Rolle – sowohl zwischen Liebenden ist das ein wichtiger Wert, auch zwischen Geschäftspartnern. Verlässlichkeit ist die Grundlage für Treue.

Wichtig: Werte brauchen eine gegenseitige Definition der Partner, egal auf welcher Ebene! Wenn einer der Partner unter Treue etwas ganz anderes versteht, wird es schwierig. Wie immer gilt: miteinander sprechen schafft Klarheit.

 

Allen einen feinen Wochenteilungstag.

 

Danke an Stephanie für die feinen Frosthagebutten!

Sanftmut

Sanftmut. Was für ein zauberhaftes Wort. Es beschreibt Menschen, die ausgeglichen und ruhig sind, sich durch Geduld auszeichnen, wohlwollend leben. Besonnenheit gehört auch dazu, das sich nicht herausfordern lassen, wenn man gereizt wird. Sanft und Mut klingt zunächst widersprüchlich und doch erinnert Sanftmut an eine der Qualitäten des Wassers – es fließt. Es umfließt Hindernisse. Es sprengt den Stein bei Frost. Es ist klar in seiner Absicht und das erfordert jede Menge Mut, wenn wir es auf uns Menschen übertragen.

Sanftmütige Menschen sind keine Trottel, die sich alles gefallen lassen. Sie bleiben klar und ruhig und ein Satz, in Klarheit, Tiefe, Ruhe und absoluter Präsenz ausgesprochen, hat mehr Durchschlagskraft als jedes Gebrüll.

Wo kannst du heute ein wenig sanftmütig sein in deinem Alltag? Was wir im Kleinen oft üben, gelingt, wenn es darauf ankommt, quasi gewohnheitsmäßig.

 

Allen einen tatkräftigen Dienstag.

 

Auf dem Räuchergefäß liegen heute einige Tannennadeln und verbreiten neben Palo Santo einen feinen Duft. Danke an Ursula für dein Foto!

Respekt

Respekt. Das Wort war früher fast ein Drohwort. Wir mussten allerhand respektieren und der Respekt wurde stets lautstark eingefordert. Heute denke ich: Respekt stellt sich vor anderen Menschen von alleine ein, wenn sie innerlich klar und stark ihren Weg gehen, ohne anderen Vorschriften zu machen und ihrem eigenen Plan folgen. Respekt erlebe ich vor Menschen, vor Natur. Respekt ist die Grundlage menschlichen Zusammenseins – ich respektiere das Leben als Wert an sich und damit generell erst einmal jeden Menschen. Dann gibt es noch den Respekt, der entsteht, wenn sich jemand integer verhält, durch seine Art beindruckt. Das Wort Respekt kommt von respectio: etwas wieder schauen, ich schaue zurück, schätze etwas ein und betrachte etwas. Respekt ist die kleine Schwester der Ehrerbietung.

Oft erlebe ich in Aufstellungen die Qualität der Worte „Respekt, Achtung, Wertschätzung“. Wir nehmen sie oft zusammen wie eine Steigerung: Ich kann respektieren, dass es viele Daseinsformen, Haltungen und Meinungen gibt. Achtung entsteht erst durch einen intensiveren näheren Kontakt mit den Menschen und Wertschätzung drückt die stärkste positive Zuwendung dieser drei Begriffe aus.

Respekt – wer hätte es gedacht – beginnt bei mir selbst. Respektiere ich mich in meinem Sein? Handle ich so, dass ich respektvoll mit anderen und allem umgehe? Wo begegnen mir Menschen, denen ich viel Respekt entgegenbringen kann?

 

Allen einen wunderbaren Start in die letzte Woche vor dem Fest.

 

Nachdem die Praxis bis 2. 1. geschlossen ist und auch die Coachings gerade bis Januar ruhen, kümmere ich mich um das Sortieren der beiden Bücherwände im Haus. Sprich: Alle Bücher kommen nach und nach auf einen Fleck – das Klassenzimmer. Dort sortiere ich die Werke thematisch. Und dann kommt die große Kunst – wie bringe ich das möglichst systematisch und thematisch klar in die Bücherwände? Die erstmal aufgebaut werden wollen und hoffentlich heute in vielen Einzelteilen geliefert werden. Ich wette, das nächste Jahr finde ich nichts mehr wieder. Und ich hoffe, dass das Werk bis Mittwochabend getan ist, wenn der Aufbau der neuen Wand so läuft wie geträumt. Sonst findet Weihnachten halt im Chaos statt, wäre auch nicht das erste Mal.

Lieber Respekt

Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen als gelegentlich ihre Bewunderung zu haben.

 

Jean-Jacques Rousseau, 1712-1778

Stephanie hat den Ballon im Morgenfrost fotografiert. Respekt, das war sicher superkalt für die Ballonfahrer.

Passion!

Passion als Tugend ist ein modernes Wort. Es verwirrt mich oft, weil es für mich eher mit der Leidensgeschichte Jesu und Bachs Matthäus-Passion verbunden ist. Allerdings umfasst Passion mehr als Leidenschaft, vielleicht wäre Inbrunst das deutsche Wort dafür.

Wir denken Passion heute oft in Zusammenhang mit Mission, die zusammen den Antrieb geben, seine innersten Ziele umzusetzen. Da trifft  der Beigeschmack des Leids, denn Passion bedeutet, sich ganz und gar an etwas hinzugeben, mit Haut und Haar einer Sache zu verschreiben und sich zu bemühen, jeden Tag der Umsetzung des Zieles näher zu kommen. Der Sportler, der von Olympia träumt, trainiert dafür nicht ein paar Wochen, sondern er jeden Tag über Jahre. Egal wie er sich fühlt – er geht auf die Trainingsmatte und sieht die Medaille vor sich, fühlt, wie es sich anfühlt, wenn man sie umhängen darf und dafür wird gestrebt. Etwas möglich machen, was andere nicht schaffen, dafür braucht es Passion, die auch Leiden schaffen kann und nicht zu knapp.

Uns mangelt es heute oft an Durchhaltevermögen, Ausdauer und Geduld. Sowie Hindernisse auftauchen, suchen wir neue Ziele, ist es zu mühsam, Durststrecken auszuhalten. Es ist wie beim Spielen eines Instruments – es braucht Jahre, bis die Finger, der Körper, die Fertigkeiten ausgeprägt sind, um den Klang zu erzeugen, den man vielleicht längst in seinem Kopf als die ideale Version hat. Dazu kommt die individuelle Färbung, denn klingen wie xy ist nicht der Plan, auch bei vorgegebenen Noten kann ich sie so oder so interpretieren, Schwerpunkte anders legen und mein Sein in den Klang fließen lassen.

Passion kann kleiner sein. Für den Garten. Mit Begeisterung Socken für andere stricken. Es kommt nicht auf Berühmtheit an, wie viele denken, sondern darum, dass du glücklich bist mit dem, was du tust. Folge der Freude.

Beate fotografiert mit Freude und entdeckt viele Details. Danke für diese schöne Begegnung.