Von der Natur lernen

 

Noch halten die Blätter manchen Regen auf, doch steckt der Herbst überall drin. Gestern habe ich einen Specht am Baum klopfen hören. Vielleicht braucht er auch noch ein Dach über dem Kopf, bevor der Winter kommt. Die Lindenbäume werfen ihre Samen ab. Da könnte ich stundenlang zusehen, wie die drei Kügelchen mit ihrem Schirm zu Boden trudeln. Das ist so großartig, was die Natur an Lösungen entwickelt hat. Ahorntänzer, Lindenblütentrudler, das Wunder der Schirmchen, die nicht nur Löwenzähne als geniale Methode nutzen – die Natur ist unfassbar kreativ.

Erinnern wir uns ruhig daran, dass wir Menschen Bestandteil der Natur sind. Nicht nur, dass uns das genaue Beobachten der Natur sehr viel helfen würde, um unsere Menschenprobleme zu lösen, sondern dass wir ebenso kreative Köpfe sein können.

Nehmen wir den Wald, der unserer modernen Welt sehr entspricht. Wie regelt der Wald seine Gesundheit, wenn man nicht von Menschenhand eingreift, um möglichst viel Holz oder anderes zu entnehmen? Wir haben eine enorme Vernetzung im Boden. Pilzgeflechte sind das älteste und bestens funktionierende Internet der Welt. Ein Pilz hat Fäden, die kilometerweit reichen können. Die Pilzfäden sind alle verwoben und geben Nachrichten weiter. Die Bäume kommunizieren mit Hilfe ätherischer Öle, ob Fressfeinde am Start sind, damit sich die Kollegen schützen können. Der Baum sondert Harz ab, wenn er verwundet ist und hat so das Pflaster und den Wundverband erfunden. Die Pflanzen wachsen dergestalt, dass jeder genug Licht hat – die einen im Frühling, wenn die Bäume drüber noch blattlos sind, die anderen brauchen weniger Licht oder nutzen eben die Lichtungen. Der Wald besitzt Unterholz, damit die Tiere ihren Lebensraum finden, deren Kot der Dünger und deren Nahrung alles ist, was sonst zuwuchern würde. Es ist ein perfekter Kreislauf, wenn man keine Monokultur betreibt. Ein System, das sich selbst hervorragend organisiert.

Ein Ameisenhaufen ist ein perfektes System mit klarer Gliederung, hocheffizient, bestens organisiert, ohne dass dauernd irgendwer Bußgeldbescheide ausstellen muss, damit der Laden läuft. Jeder Bien ist ein 37-Grad-Konstanttemperaturwunder, egal, wie warm oder kalt es ist. Überall in der Natur schaffen es die Lebewesen, ihr System in keiner Weise zu zerstören, jedes ist wichtig und gibt seinen Teil im Spiel von Leben und Tod, Fressen und Gefressenwerden. Es läuft einfach.

Allerdings gibt es in der Natur jenseits des Menschen nicht ganz so viel ausgeprägtes Ego. Selbst der größte Löwe, der dickste Hai holt sich nur so viel, wie er braucht. Er legt keine Vorräte an, beutet nicht aus und hortet nicht. Und nein, die gehorteten Nüsse der Eichhörnchen, die sie gar nicht alle wiederfinden, sorgen dafür, dass immer irgendwo ein neuer Nussbaum entstehen kann. Sie sind also quasi Nussbauern und erhalten so für die nächsten Jahrhunderte die eigene  Art mit.

Lernen wir vom Leben in der Natur, wie Gemeinschaft, Netzwerken und Kommunikation geht. Jeder Baum kommuniziert angemessener als mancher Mensch, der sich in Haterkommentaren ergießt.

Und nutzen wir die Natur, um zu staunen. Jetzt im frühen Herbst erleben wir dort ein Wunder nach dem anderen. Allen einen liebevollen Venustag.

 

Windrad im Gegenlicht. Steffi hat fotografiert, lieben Dank!

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