Ranking der Störungsbilder

„Die Welt drängt nach innen“, stellt Morgenstern zum November fest. Alles wird leiser, stiller. Noch ist das nicht so ganz der Fall, auch wenn es am Abend schneller spürbar wird, da es nun früh einnachtet.

Am Morgen las ich eine Umfrage von Kollegen, welche Störungsbilder derzeit in der Praxis am meisten auftreten. Hier die Liste: Angst, Depression, Burnout weit vorne.

Klassiker für Situationen wie diese. Die Stimmung ist schwierig im Land, die Menschen zutiefst verunsichert. Seltsame Situationen entstehen, Unwohlsein kommt auf, wo vorher niemals welches war. Gestern Abend waren wir spät im Großhandel unterwegs. Das hätten wir uns sparen können. Die Dinge, die wir gebraucht hatten, waren nicht vorhanden, da waren die Regale leer. Wenige Menschen waren unterwegs. Die Mitarbeiter räumten in Ruhe Regale ein. Die Weihnachtsdeko leuchtete vor sich hin, das Summen der Kühlung war lauter als alles andere im Geschäft. Obwohl wir kaum was im Wagen hatten, ergab das eine Summe, die auch neu war in der Höhe. Wocheneinkäufe sind jetzt etwas, das wirklich Löcher in die Haushaltskasse reißt.

In einer Austauschrunde mit Kollegen ging es neulich um die Frage, wie wir als Begleiter von Menschen in Krisen selbst mit Krisen umgehen und wie wir uns gut aufstellen können, um unsere Arbeit bestmöglich zu erledigen. Nicht immer gelingt es, sich abzugrenzen. Was tun wir in diesen Tagen? Wir gehen unserer Arbeit nach. Versuchen, den Ball weiterhin flach zu halten und Menschen zu stärken, ihren Weg zu gehen, wie immer der auch aussehen mag. Das entzieht sich unserer Bewertung, denn das ist nicht unsere Aufgabe.

Schlechte Nachrichten prasseln derzeit in jedes Haus, egal, ob sich das auf Krankheiten oder Todesfälle bezieht, Probleme am Arbeitsplatz und vieles mehr. Geburtswehen einer neuen Zeit und noch ist erst die Phase des Verwirrtseins angesagt. Auswege sind noch nicht wirklich erkennbar. Es braucht.

Über allem, was uns jeden Tag an Kleinkram belastet (und das schafft die Grundlage für die vielen Störungsbilder im Moment), vergessen wir, dass der Planet unsere Aufmerksamkeit braucht. Dass wir als Gesamtweltgesellschaft aufgefordert sind, uns gemeinsam Gedanken über eine gute Zukunft zu machen. Jenseits aller politischen, wirtschaftlichen und weltanschaulichen Grenzen hinweg dürfen wir klare Linien festlegen.

Wir schaffen es derzeit nicht, in uns selbst eine gewisse Ruhe zu bringen, innerhalb der Familien knallt es an allen Ecken und Enden, wird getrennt zwischen Impfgegner und Impfbefürworter, bricht Hass aus zwischen Menschen, die vorher befreundet waren, herrscht ein Tonfall, der wenig Optimismus erlaubt. Ich höre kaum mehr Menschen lachen oder freundlich sein, weder im Außen noch sich selbst gegenüber.

Hier setzt die erste Maßnahme an: Sei freundlich dir selbst gegenüber und behandle andere Menschen bitte auch achtsam, freundlich und höflich. Es geht nicht, dass wir andere Menschen für ihre Meinungen und Ansichten in Schubladen sortieren. Sie sind in erster Linie Menschen, die sich Sorgen machen um sich, ihre Gesundheit und die ihrer Lieben. Alle Seiten übrigens! Wir verfolgen alle dasselbe Ziel: Möglichst gesund und ohne irgendeinen anderen Menschen zu gefährden durch diese Zeit zu kommen und unseren Beitrag zu leisten, dass die Welt für alle wieder schön und lebenswert wird.

Die Wege sind verschieden, das Ziel ist gleich. Lohnt es sich nicht viel mehr, das Ziel im Auge zu behalten und aufzuhören, die Wege, die andere Menschen gehen, zu be- und zu verurteilen in einer Zeit, in der wir nicht wirklich wissen, was Fakten und was Behauptungen sind? Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern, dass wir als Menschen die Aufgabe haben, einander zu unterstützen, zu helfen, miteinander zu wachsen und dafür zu sorgen, dass die Folgegenerationen gut auf diesem Planeten leben können. Die Aufgabe unserer Zeit ist nicht, sich gegenseitig anzuklagen, anzufeinden, zu verunglimpfen oder alle von der eigenen Ansicht zu überzeugen. Jeder hat Recht in seinem Kopf und wir irren alle. Weil das so ist, können wir auch aufhören, uns zu bekriegen und anfangen, uns wieder wie Menschen zu verhalten, die ohne einander keine Chance haben.

Vertrauen ist eine der wichtigsten Ressourcen des Menschen. In sich selbst, aber auch in andere. Ermöglichen wir uns wieder den Zugang zu dieser Ressource, anstatt Türen zuzuschlagen.

 

Allen einen beweglichen Merkurtag!

 

In Sigrids Garten hat der Schmetterling schon Froststernchen angesetzt. Danke dir!

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