Ich erwarte von dir, dass …

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet.“ „Du schaffst das doch! Du kannst es doch! Ich erwarte von dir, dass …“ – diese Sätze sind mir in den letzten Wochen oft untergekommen, weil viele Prüflinge gerade mündlich in der Heilpraktikerprüfung drankommen. Oft lese ich von den Mitschülern obige Sätze. Wir denken nicht oft darüber nach, was wir manchmal sagen oder schreiben und meinen es im Grunde gut. Wir wollen der anderen Person damit signalisieren, dass wir wissen, wie gut sie gelernt hat, sie ihre Sachen beherrscht und wir deshalb davon ausgehen, dass alles gutgehen wird. Doch wenn wir genau hinlauschen, merken wir Druck.

Erwartung – das einzige Mal im Jahr, wo wir etwas erwarten dürfen, ist der Advent, da dürfen wir alle freundliche Erwartungen haben. Was letztlich dabei herauskommt, mag vor allem in diesem Jahr dahingestellt sein, aber Vorfreude aufs Fest ist etwas Wunderbares, nicht nur für junge Kinder. Mit unserer „alles sofort“-Unkultur nehmen wir uns die Möglichkeit der Vorfreude und damit einen Großteil des guten Gefühls, das mit Freude verbunden ist. Schade.

Erwarten darf ich niemals etwas von anderen, wenn ich schon etwas erwarten möchte, dann maximal von mir selbst. Erwartungen sind verpackte Forderungen. „Ich erwarte, dass du dich kümmerst!“ – das ist schon eine heftige Ansage. Wenn ich früher hörte: „Ich erwarte, dass du xy sofort erledigst“, war meine pubertäre Ansage gern die: „Da kannst du vielleicht verdammt lang warten“. Genau das lösen solche Erwartungsansagen in mir aus – Widerstand. Wer etwas erwartet, stellt eine Forderung oder er sagt dem anderen, wo es langgeht, übt Macht aus: „Ich erwarte, dass du dich benimmst“ (Resultat siehe oben).

Wir dürfen das Wort Erwartungen gern auf den sprachlichen Kompost legen. Packen wir sofort „aber“ dazu. Aber ist im Dauergebrauch. Oft genug schwingt unausgesprochen etwas Negatives mit. „Du hast aber ein tolles Kleid an!“ heißt übersetzt für meine Ohren: „Normalerweise trägst du unterirdisches Zeug. Heute scheinst du einen Berater gehabt zu haben, der dir was Gutes gegeben hat, alleine wirst du das sicher nie geschafft haben.“ „Deine neue Küche ist aber schick!“ heißt wohl eher: „Boah! Das hätte ich dir nie zugetraut, dass du sooo eine mega Küche hast. Ich bin extremst neidisch! Wie gemein, dass du die Küche hast, die ich verdient hätte.“

Sprache ist Macht, wir üben sie oft unbewusst aus. Ziel ist nicht immer Demütigung des anderen oder Bösartigkeit, das unterstelle ich den wenigsten Aber-Erwartungsfans. Machen wir uns bewusst, wie oft wir Formulierungen und Worte verwenden, die andere Menschen klein machen, sie wenig wertschätzen, ihre Handlungen schmälern, damit wir uns besser fühlen. Alles sehr unbewusste Prozesse. Es ist Zeit, das Bewusstsein auf allen Ebenen zu schärfen. Es beginnt stets bei uns. Was ist die beste Version meiner selbst, die ich heute ein Stück weit entwickeln darf? Wozu lädt mich heute das Leben ein? Welche Wenns und Abers möchtest du heute entsorgen?

Statt Erwartungen dürfen wir immer etwas für möglich halten. Das lässt alle Optionen offen, denn wer weiß – vielleicht ist exakt eine Scheiter-Erfahrung das, was der Person gerade am meisten nutzen kann (mit einigen Jahren Abstand wird das auch erträglicher). Dann seien wir einfach nur da für sie. Entweder zum Mitfreuen oder zum Trösten. Ohne Wenn und Aber.

Allen einen freundlichen und freudigen Jupitertag.

 

Gabis Baumfoto lädt dazu ein, sich darüber Gedanken zu machen, dass wir in diesen Tagen die Möglichkeit haben, zwischen den Welten zu wandern. Danke!

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