Gründonnerstags-Nachdenk-Input

Der Winter naht nun gerade nicht mehr, nicht mal mehr bei GoT-Fans, die wissen inzwischen, wie es weitergeht (und ich bald auch, hoffe ich). Diesmal naht Ostern und ich glaube, das gehört zu den Feiertagen im Jahr, die den wenigsten Menschen wirklich im Bewusstsein sind. Die meisten nehmen Feiertage heute als freie Tage gern mit. Ein Leben mit dem Jahreskreis ist nicht mehr en vogue. Da habe ich es ganz gut mit dem keltischen Jahreskreis, der meinem Herzen nahe und meinem Bewusstsein präsent ist.

Ostern macht eine Ausnahme im christlichen Jahreslauf, dieses Fest hat eine tiefe Bedeutung für mich. Natürlich freut einen Weihnachten vom Thema her mehr, wir alle sind aus dem Häuschen in den meisten Fällen, wenn ein kleines Kind hereinschneit und alles durcheinanderwirbelt, wohingegen der Tod eines der meistgefürchtetsten Tabuthemen der Gesellschaft sind. Was für ein ausgemachter Unsinn, denn wir haben nur zwei Sicherheiten im Leben – die eine ist, dass alles, was lebt stirbt, die andere, dass nichts bleibt wie es ist. Den Tod aus der Gesellschaft auszugrenzen, outzusorcen in Palliativstationen, an den optischen Rand des Lebens ist genauso unsinnig wie das Alter zu leugnen und zu missachten oder Menschen mit Behinderung (ebenfalls optisch) zu entfernen.

Ostern ist gerade das alles nicht. Es geht um Wahrheit, um Wahrhaftigkeit, um Erkenntnis, dass der Tod kein Ende ist, um eine tiefe Liebe zu Menschen und um unsere Zweifel. Dem Tod entkommt keiner, selbst Gottes Sohn fragt, ob dieser Kelch an ihm vorübergehen kann. Schnitter Tod schneidet alle gleich, weshalb er im Mittelalter als Totentanz viel präsenter war, wie man wunderbar im historischen Museum in Basel erleben kann, dort besucht Gevatter Tod den König ebenso wie den Bettler. Der Tod ist vermutlich die einzige Gerechtigkeit, denn er holt jeden.

Was ich aber viel spannender finde ist die Frage, was danach kommt. Clemens Kubys Film über den Karmapa, der seine nächste Inkarnation regelmäßig vorhersagt und just genau an diesem Ort bei dieser Familie stets gefunden wird, erzählt die Geschichte der Reinkarnation, die in vielen Völkern der Erde normales Gedankengut ist.

Ostern gibt einem eine gute Gelegenheit, über die Frage von Schuld nachzudenken, denn wie wäre alles weitergegangen ohne den Verrat von Judas? Den Umgang mit dieser Schuld ist zu bedenken (Judas erhängt sich), die sieben Worte Jesu am Kreuz sind innerlich zu bewegen, während die Glocken schweigen und an den Moment erinnern, in dem der Tempelvorhang riss und schwarze Wolken sich am Himmel ballten.

Vielleicht sind die Ereignisse der Karwoche, von der Fußwaschung bis zur Begegnung der Jünger auf ihrem Gang nach Emmaus wesentlich mehr als die Beschreibung des gewaltsamen Todes eines Mannes, der das System mit gewaltfreiem Widerstand bis heute veränderte. Die Frage, die mir daran aufscheint, ist – was sagt es mir jetzt, in diesen Umbruchwelten, in denen wir gerade leben? Wenn ein einzelner Mensch auch nach weit über 2000 Jahren so viel bewegen kann, wieso zweifeln wir dann so gern, dass wir nichts ausrichten können gegen Ungerechtigkeit und fehlende Liebe? Er hatte weder Geld noch eine gute PR-Maschine (das brachte erst die Zeit nach ihm), war weder Politiker noch führender Wissenschaftler. Er war nur Eines, und genau davor haben wir am allermeisten Angst im Leben (wenn es nicht die Angst vor dem Tod ist): dass wir Menschen sind. Vollkommen menschliche Menschen. In diesem Sinne allen bedenkenswerte Tage, deren Beginn an diesem Gründonnerstag ist. Ostern ist ein bisschen mehr als Hasen und Eiersuchen, Schokowahn und Fressorgien. Es ist die Frage nach dem tiefsten und höchsten Moment im Leben eines Menschen – dem Tod und dem Erlebnis, im Licht der Liebe wiedergeboren zu werden, bereit, das Gewesene zu bedenken und das Neue als Gussform vorzubereiten. Vielleicht. Vielleicht ist alles ganz anders. Wir werden es wissen, wenn es soweit ist.

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