Folge der Freude

In Hebbels Abendgedicht schließt der Autor am Abend Frieden mit dem Tag. Kummer und Freude verschwimmen im Moment, in dem der Schläfer das Bewusstsein für das Tagesgeschäft verliert.

Wie oft höre ich von Schlafproblemen in der Praxis. Kummer und Sorgen bedrücken die Menschen, lassen sie schlecht schlafen. Zukunftsängste sind in der Nacht größer als am Tag, Einsamkeit ist schwerer. Nie ist die Nacht bedrohlicher als kurz vor dem Sonnenaufgang. Deshalb ist für uns Menschen das Licht so bedeutsam, war das „Schauen der Sonne um Mitternacht“ für den Eingeweihten ein Initiationsmoment.

Wenn es um das Schlafen geht, sollten wir uns bewusst werden, dass Schlaf ein Überlebensmechanismus ist. Wir brauchen den Schlaf, damit der Körper seine wesentliche Arbeit leisten kann: im Kopf das Erlebte und Erfahrene verräumen, im Körper entmüllen, saubermachen, entgiften, regenerieren und vieles mehr. Wir sind hochaktiv im Schlaf. Während Seele und Geist ihrer Wege gehen, ist der Körper mit einem großen Sortierprozess beschäftigt. Damit er das in Ruhe tun kann, ist Schlafhygiene so wichtig.

Dass Alkohol den Schlaf massiv stört, ist nicht neu, doch glauben viele, der Alkohol mache sie erst müde. Denkfehler. Tut er, aber die Leber ist im Oberstress und weckt gern nachts um drei Uhr auf. Abends lange Bildschirmarbeit – kann man machen, wenn man gern schlecht schläft. Verhindert die Ausschüttung von Melatonin. Sinniger ist es, am Abend langsam runterzufahren, das Licht zu dimmen und kein fünfgängiges Menu einzuwerfen.

Rituale und Rhythmus sind für Menschen mit Schlafproblemen die halbe Miete. Also immer zur gleichen Zeit ins Bett und aufstehen, das schafft ein Gerüst, auf das sich der Körper einstellen kann. Am Abend bei einer Tasse Melissentee im Kerzenschein überlegen, wofür man dankbar ist, den Tag rückwärts bis zum Aufstehen am Morgen ohne Wertung anschauen zeigt, was alles war. Dann bewusst loslassen und alle Sorgen fein verpackt ablegen. Wir brauchen sie beim Schlafen nicht. Sie sind am nächsten Morgen noch da, keine Angst. Aber sie drücken uns dann so im Schlafen nicht.

Kein Fernsehen im Bett, keine Elektronik neben dem Kopfkissen, sondern ein frisch gelüftetes Zimmer mit einer für den Körper passenden Matratze und so warmen Bettsachen, wie es jemand braucht. Es gibt Menschen, die sind mit dickem Flausch erst schlaffähig, anderen reicht ganzjährig eine dünne Decke – jeder nach seinem Gusto. Wecker auf die Türschwelle, das nächtliche Folterprogramm mit „oh, schon 2 und ich schlafe noch nicht, schon vier, wie soll ich arbeiten können …“ ist Unfug. Klarheit, Struktur und Rhythmus bringen von außen Ordnung ins Schlafprogramm. Loslassen ist im Inneren wichtig.

Genau das empfiehlt sich für die letzten Tage des Jahres ebenfalls. Was nehmen wir an Erkenntnissen aus 2020 mit? Welche Menschen haben mich inspiriert, waren mit in diesem Jahr eine große Stütze in wilden Zeiten? Wer war verlässlich da und hat dafür gesorgt, dass ich mich persönlich entwickeln kann? Was soll aus dem Neuen, das 2020 in mein Leben getreten ist, 2021 als gute Gewohnheit mitgenommen werden? Was möchte ich unbedingt in 2020 lassen und nicht mitnehmen?

Schriftlich niederlegen macht Sinn, vieles wird gern so hingehuschelt, ohne Konsequenz. Machen wir uns die Dinge klar bewusst, nicht nebenbei. Sonst wird unser Leben auch ein Nebenbei aus Vielerlei und Nichts. Worauf richtet sich dein Fokus? Was für einen Entwicklungsweg deiner Persönlichkeit wirst du 2021 gehen? Go with the flow und folge der Freude. Finde deinen Stern und entwickle, was versteckt in dir schlummert. Carpe noctem für den Schlaf, um dich immer wieder gut zu erholen. Wem möchtest du noch danken für das Gute in diesem Jahr?

Wo sehen wir uns 2021?

Allen einen beweglichen letzten Merkurtag 2020.

 

Sigrid hat sich im Sommer eingehend das alte Mühlrad angeschaut. Das Leben kann wie eine Mühle sein, keine Frage. Und doch fließt niemals dasselbe Wasser über das Rad.

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