Be water, my friend, mal wieder

Am Dienstagabend fand der zweite Teil unserer feinen VHS-Reihe zum Thema Veränderungen statt. Nach vielen Überlegungen, wie man sein Gehirn überlistet, sich neue Routinen und Glaubenssätze anzueignen, sind wir für eine Zeit in die Tiefe und Stille gegangen. Veränderung geschieht sehr oft in dem Moment, in dem wir uns erlauben, unserer inneren Essenz zu begegnen, unserem Wesen nachzuspüren und in der Ruhe die Antworten zu finden, die wir oft im Alltagslärm nicht hören können. Auf der Heimfahrt grüßte ein sternenklarer Nachthimmel. Verbindung von oben und unten, außen und innen, zauberschön.

Herausfordernd sind die Tage. Spannend. Ich staune, mit wie viel Energie wir uns anfeinden, versuchen, anders Denkende in unser Lager zu ziehen. Warum tun wir das? Ich „unterstelle“ jedem Menschen, dass er seine Ansichten und Meinungen prüft, überdenkt und mit gutem Grund vertritt. Jeder Mensch hat in seinem Kopf Recht. Und ich muss nicht mit Menschen einer Meinung sein, um gut mit ihnen auszukommen. Ich irre selbst oft und muss dann meine Gedanken und Aussagen sortieren, neu greifen und zu neuen Erkenntnissen kommen, das gestehe ich allen anderen auch zu. Wenn jemand eine andere Meinung vertritt, lerne ich neue Standpunkte kennen, denn ich blicke stets einseitig und überschaue niemals das gesamte Geschehen.

Alle haben Recht, alle irren. Deshalb erscheint es mir nur sehr logisch, dass es offenkundig nie ums Rechthaben geht, sondern um das Bewundern, wie schwer es ist, Wahrheit zu finden und zu erforschen und dass wir oft den Blick über das eigentliche Problem erheben müssen, um in weiteren Räumen mit Menschen zu kommunizieren und das Gesamtgeschehen nicht aus dem Auge zu verlieren. In vielen Punkten sind wir uns nicht einig, das ist in Ordnung und kein Grund, ausfallend und negativ zu werden. Es ändert nichts an der Tatsache, dass wir aufgerufen sind, diesen Planeten zu retten und die not-wendigen Veränderungen in der Weltengemeinschaft zu besprechen.

Die Einen wünschen sich, dass alles wird wie vor der Pandemie, das hoffe ich nicht. Die Anderen erwarten, dass auf gute Weise Veränderungen angestoßen werden – da bin ich dabei. Die Betonung liegt auf der guten Weise. Wir brauchen eine Revolution der Herzen, nicht des Kampfes. Wir haben genug sinnfreien Kampf jeden Tag vor Augen. Es geht nicht um Kämpfen, Überzeugen und Lager bilden, das ergibt nur Spaltung. Es geht um das Erkennen, dass vielleicht auch in der Betrachtung einer Pandemie viele Wege nach Rom führen und dass die Pandemie nur eines von vielen unserer Themen ist, wenngleich eines, das alle betrifft.

Wahrlich alle betreffen die Fragen zu Bildung, Gesundheitssystemen, Klimawandel und Umgang der Völker untereinander. Wenn wir es nicht einmal bewerkstelligen, in unserem eigenen kleinen überschaubaren Land eine gute Gesprächs-, Konflikt- und Streitkultur zu pflegen, wie glauben wir dann, dass wir international mit Vertretern anderer Völker, Religionen und Denkweisen aller Art klarkommen? Wäre es nicht an der Zeit, sich innerlich endlich zu entspannen, Vielfalt nicht als Bedrohung zu betrachten, sondern zusammenzuwerfen, was wir alles an guten Ideen zur Lösung aller Probleme entwickeln können? Menschen sind Meister der Kreativität, wenn man sie lässt.

Legen wir die Waffen nieder, die rhetorischen und alle anderen auch. „Be water, my friend“, hat Bruce Lee mal gesagt und das trifft es genau. Wasser umfließt Hindernisse. Es findet stets den Weg ins Meer. Es wandelt sich von flüssig zu Eis zu Dampf und ist doch stets Wasser. Es nimmt vielfältigste Informationen auf und kann sie weitergeben. Es ist unser wichtigster Lebensstoff neben dem Sauerstoff. Warum lernen wir nicht direkt vom Leben selbst, wie es geht?

Be water, my friend. Be water.

Danke an Theresa für das Foto von Bornholm.

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