Anspruchsdenken

Vermutlich empfinden die meisten Menschen die Zeit als anstrengend, weil so viel geschieht – im Außen, was auf das Innen wirkt. Warum hat das Außen derzeit so viel Macht?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind wir es nicht gewohnt, mit Pandemien souverän umzugehen, da gab es keine Erfahrungswerte, deshalb war es eher try and error mit Auswüchsen in jede Richtung. Der Eingriff ins Leben durch Lockdown und andere Maßnahmen war neu. Zum anderen haben die meisten von uns hier im Land keinen Krieg mehr erlebt, schon gar nicht vor der eigenen Haustür. Zum dritten ist es so, dass sehr viele Menschen seit Jahren um sich selbst kreisen, an ihrer Selbstoptimierung arbeiten und das Leben als eine Art Veranstaltung sehen, bei der sie gut unterhalten werden, möglichst viel von der Welt sehen können und es leicht sein darf, mühelos mit Krankenversicherung und Rentenanspruch. Diese Blase platzt gerade, viele andere Blasen folgen.

Ich sehe junge Menschen, die Mittagsschlaf machen müssen, weil sie so erschöpft sind. Sie haben rein körperlich (von der mentalen Kraft ganz zu schweigen) nicht mehr die Power, einen normalen Arbeitstag durchzustehen. Sie weinen in der Ausbildung, wenn sie einer berechtigten Kritik ausgesetzt sind, weil sie das nicht ertragen. Partner trennen sich, weil sie keine Lust darauf haben, an der Gestaltung eines gemeinsamen Alltags zu arbeiten und sich zu arrangieren, sondern weil Trennung und sich „was Besseres“ suchen einfacher ist oder lieber gleich ganz Single, da muss man sich gar nicht einschränken. (Ich weiß sehr wohl um die Not vieler Menschen, die von Herzen gern ihr Singledasein zugunsten von Partnerschaft und Familie aufgeben würden.)

Während meines Geschichtsstudiums, in dem ich mich sehr intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg befasst habe, hatten wir einen Winter in Würzburg mit viel Schnee und sehr langer Kälte. Da die Busse am Abend nicht mehr oft vom Hubland in die Stadt gefahren sind, bin ich oft gelaufen, das waren knapp drei Kilometer bis zum Studentenwohnheim. Wie oft habe ich dabei darüber nachgedacht, wie das sein muss für Menschen auf der Flucht, die nicht wissen, ob sie ohne Beschuss und Gefahren aller Art irgendwo in ein Haus mit Wärme oder warmem Wasser kommen und mich gefragt, wie man das übersteht, welche Stärke es braucht und auch welche körperliche Widerstandskraft. Ich vermute, dass die wenigsten von uns heute mit solchen Situationen klarkommen würden, die jetzt wieder Menschen betreffen.

Es wird Zeit, dass wir viele Dinge, die wir als selbstverständlich erachtet haben, wieder als Geschenke begreifen. Geschenke sind Dinge, auf die man keinen Anspruch hat. Es wird Zeit, aus der Bequemlichkeitsblase zu erwachen und dafür jede Sekunde dankbar zu sein, wenn hier kein Krieg ist. Wenn wir Essen kaufen können und das Licht angeht, wenn wir den Schalter betätigen. Nichts davon ist selbstverständlich.

Es geht nicht immer nur darum, was uns das Leben, die Welt oder sonst wer zu bieten hat. Die Frage lautet: Was kannst DU der Welt geben?

Danke an Ursula für das wunderschöne Knospenbild.

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