Yearly Archives: 2021

Abendstille überall

Abendstille überall,
nur am Bach die Nachtigall
sing ihre Weise
klagend und leise
durch das Tal.
Sing, sing, sing Frau Nachtigall!

Hardenack Otto Conrad Laub, 1805 – 1882

Steffi hat keine Abendstille hier festgehalten, doch dieses Blau in allen Schattierungen und die Klarheit des Wassers ist zauberhaft. Danke!

Geh mal etwas vom Gas

Rituale sind wichtig, wir vergessen sie sehr gern und oft. Sie gestalten Übergänge, Feste, begleiten unser Leben und setzen wichtige Momente der Stille, Besinnung und des Bewusstwerdens. Viele Rituale sind zu Automatismenverkommen, sie verdienen das Wort Ritual nicht. Ich mag Rituale, wenn sie bewusst in das Leben eingebaut sind. Dann stärken sie uns, geben Erinnerungen und gliedern unseren Alltag in Einheiten.

Der Verzicht auf die Früchte der eigenen Taten ist besser als Meditation, befindet die Bhagavad Gita mit der Begründung, dass sofort Frieden erfolgt, wenn wir Erwartungen aufgeben. Wie schade, dass wir das in unserem Leben oft nicht berücksichtigen. Gerade jetzt in der Ferienzeit wird es vielfach krachen, weil die Erwartungen an die Auszeit sehr hoch sind. Erholung soll sein, Spiel und Spaß für die Kinder, andere Länder, tolles Essen, klasse Strände – wie oft ist es gerade nicht so. Dafür gibt es viele Gründe, meistens sind es enttäuschte Erwartungen. Der Partner ist im Urlaub vielleicht nicht der tolle smarte Typ, sondern einfach nur fix und fertig und würde am liebsten 14 Tage durchschlafen. Der Strand ist zu kiesig, das Wasser zu warm, die Quallen zu giftig, die Berge zu hoch, die Hütten zu voll, die Autobahnen zu verstopft und der Flieger zu zugig – all das gehört oft auch dazu, wenn man wegfährt und passt vielen nicht. Warum? Weil die Erwartungen andere waren. Irgendwie schöner eben.

Für alle, die jetzt noch wegfahren: nehmt mal den Erwartungsdruck aus allem etwas raus. So wenig, wie wir selbst in den Ferien zu blühenden erholten Zauberwesen mutieren, tun das die anderen. Ich würde der Nation nach den letzten Monaten am liebsten kollektiv Schlaf verordnen, damit sich die Nerven erstmal wieder erholen, unsere Überreiztheiten verschwinden und wir entspannt aufeinander zugehen können. Erwartungsfrei. In Erwartung steckt Warten und wir wissen seit Godot, dass das dauern kann. Andere Menschen sind nicht die Erfüllungsgehilfen unserer Wünsche, für unser Glück sind wir selbst zuständig.

Also – weg mit den Erwartungen. Her mit Offenheit und Neugier darauf, was kommen mag. Annehmen dessen, was ist und wie es ist, denn was nutzt mir Gemecker über ein Buffett, wenn es die nächsten 14 Tage so bleiben wird? Entweder finde ich dann dennoch was, das mir schmeckt oder ich schaue eben anderweitig, wie ich das lösen mag.

Verbringt die Auszeit nicht mit Streit, weil Erwartungen nicht erfüllt werden. Füllt sie mit Freundlichkeit euch selbst gegenüber, mit Freude über das Leben und Dankbarkeit, wenn ihr an schönen Orten der Welt sein dürft. Was für ein Privileg! Die meisten unserer Vorfahren hatten einen Radius von maximal 50 Kilometern. Da sind wir heute regelrechte Weltbürger. Schauen wir lieber genau hin auf dieses Wunder Erde, damit wir begreifen, weshalb sie schnellstens unsere Achtsamkeit und Hilfe benötigt. Nicht, um noch mehr zu ernten, sondern um endlich wieder aufzubauen.

Allen einen beweglichen Merkurtag mit Freude und ohne hochgespannte Erwartungen.

 

Auch dieses Jahr erfreut uns der Apfelbaum mit einer feinen Ernte. Das erste Apfelmus ist bereits gekocht und wird sich bestens zu unseren Grießschnitten machen. Sommer-Kinder-Essen muss manchmal sein.

Frieden statt Erwartungen

Wissen ist besser als der bloße Vollzug von Ritualen. Meditation ist besser als Wissen. Der Verzicht auf die Früchte der eigenen Taten ist besser als Meditation. Warum? Weil dem Aufgeben von Erwartungen sofort Frieden folgt.

Bhagavad Gita

Früchte der eigenen Brombeeren reifen in diesen Tagen freundlicherweise im Garten heran.

Orte zum Nachdenken

DAS ist der Anblick, auf den ich dringend hoffe. Wenige Tage soll das mal wieder mein externes Denkzentrum sein am Goetheanum in Dornach. An diesen Tischen sind alle wichtigen und grundsätzlichen Entscheidungen der letzten Jahre, fast schon Jahrzehnte, getroffen worden. Da sitzen wir zwei Tage, denken nach, arbeiten die mitgebrachten Fragen ab, erstellen Visionen, brechen Ziele herunter und machen Timelines für Projekte. Das geht fix, denn kaum sitzen wir an diesen Tischen, geht das wie geschmiert. Was jeder seit Wochen und Monaten im Kopf hin und her überlegt, sich notiert hat, wird auf den Tisch gepackt. So kommen wir zügig voran.

In diesem Jahr wird es wichtige Dinge zu entscheiden geben, die die nächsten Jahre unserer Schule betreffen. Die Pandemie hat vieles verändert. Zum Glück konnten wir direkt reagieren und alles auf online umstellen, wo es notwendig war oder auf Video, wo es uns angemessen erschien. Jetzt sind wir wieder ein Stück weiter und sehen einem Herbst und Winter entgegen, den wir noch nicht einschätzen können, wo wir aber natürlich wissen müssen, wie wir auf jedwede Option – Schule vor Ort, Online, Filmmaterial etc. – antworten können. Das sind oft banale Dinge wie Timelines. Technische Fragen, für die wir Antworten organisieren müssen. Organisatorisches. Da haben wir es in vielen Jahrzehnten (heute auf den Tag genau sind wir 34 Jahre ein Team) zu einer super Arbeitsteilung gebracht.

In diesem Jahr wird es notwendig, dass ich mein kreatives Gehirn endlich wieder von der Leine lassen darf. Ich habe so viele Kursideen und Gedanken, das muss in Form gebracht werden, sprich – wie können die Ideen umgesetzt werden? Welche erscheinen sinnvoll, was ist Spinnerei?

Da ist die Disney-Strategie für uns ganz hilfreich. Ich bin Spezialist des Dreamer’s Space, dem kreativen Raum, in dem alles möglich ist. Herrlich! Dann gibt es bei Walt Disney die Sweat box, der Raum, in dem alle Einwände, jede Kritik und alles Gemecker ihre Hörer finden, was wichtig ist (nicht so mein Lieblingsraum). Der dritte Raum bei Walt Disney ist der Realisiererraum. Da geht es um Machbarkeit. Da sitzt Christoph gern und bringt jede Idee mit den Worten erstmal auf den Boden der Tatsachen: „Und wann willst du das auch noch machen?“ „Hast du mal überlegt, wie das technisch überhaupt gehen soll?“ Wenn ich nach mehreren solcher Ansagen richtig sauer werde, folgt meistens der Abbruch der Diskussionen – wir nennen das Auszeit nach dem Harvard-Konzept.

Das sieht wie folgt aus: Jeder geht auf einem anderen Weg zur Buchhandlung, ganze 20 Meter neben diesen Tischen entfernt. Schweigend arbeiten wir uns durch die Gänge und Regalreihen, treffen uns vor der Kasse. Mit unterschiedlichen Stapeln. Wenn wir uns auf einen Stapel geeinigt haben, tigern wir am Buffett vorbei, beruhigen uns bei einem herrlichen Mittagessen und so geht es bald frischer voran. Was morgens noch konfliktreich war, löst sich in aller Regel gut auf.

Wenn wir eine Einigung haben, gehen wir eine Runde durch den Park am Goetheanum, holen uns einen Kuchen und halten alle Resultate schriftlich fest. Grundlage für ein bis drei Jahre Arbeit, die daheim final ausgearbeitet wird. Alle Grundfragen stehen, die Wege sind vorgezeichnet, Terminkalender auf drei Jahre im Voraus sind geschrieben. DAS ist so krass befreiend. Vor drei Jahren waren wir das letzte Mal da, während der Pandemie ging das nicht. Ich hoffe, es klappt in diesem Jahr. Es ist ohnehin aufs Minimum reduziert, die bis auf einen Baseltag reine Arbeitstage sein werden. Dadurch hat das Gehirn wieder Ordnung, kann ich befreit loslegen, wenn alle Rahmenbedingungen stehen, und neue Kurse inhaltlich füllen. Vision -> Ziel -> Etappenziele -> Deadlines. Aus die Maus. Ohne Schnörkel auf den Punkt.

Hast du auch einen Kraftort, an dem du ausgezeichnet denken und Entscheidungen treffen kannst? Das wünsche ich dir.

Allen einen tatkräftigen Dienstag.

 

Vorfreude ist eine hervorragende Freude. Ich hoffe, es bleibt nicht wie im letzten Jahr bei dieser Freude …

Chill mal

Mark Twains Zitat ist durchaus kernig. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn Noah die Arche verpasst hätte. Wie sähe die Welt dann heute aus? Wie würde Mark Twain heute auf unsere Welt schauen? Vermutlich fände er noch schärfere Worte.

Nach dem Frühherbst bis Wochenmitte der Hochsommer – jede Woche hoffe ich sehr, dass der Sommer 2021 endlich abgehakt werden kann. Er wird nicht als ein guter Sommer in meiner Erinnerung bleiben, zu vieles ist geschehen. Für die Menschen in den Hochwassergebieten ist Trockenheit im Moment vermutlich hilfreich, damit die Häuser wieder bewohnbar werden, ehe der Herbst kommt.

Anfang September sollen schon die Trauben gelesen werden, höre ich. Normalerweise mache ich um die Zeit jetzt Holundersaft ein, doch dieses Jahr sind die Beeren noch grün, die Vorjahre hatten wir Trockenbeerenauslesen. Seit mehreren Jahren beobachte ich im Garten, dass vieles gar nicht mehr richtig kommt, die Rosen, die so prachtvoll angefangen hatten, waren durch die Hitze sofort verblüht und tun sich mit dem Remontieren dieses Jahr restlos schwer. Im Frühjahr neu gepflanzte Sachen sind nicht angewachsen, die Tomaten verfaulten. Sieger im Gartenwettbewerb 2021 sind die Zucchini. Schaut man einen Tag nicht hin, hat man einen Baseballschläger am Start.

Gespannt bin ich da eher sehr positiv auf die neue Woche. Sie ist dicht gepackt mit Terminen. Viele nutzen die Ferienzeit, um manche lang vor sich hingärende Frage zu klären, ehe der Herbst kommt. Das ist gut. Aufräumen ist angesagt – in Beziehungen, in manchem Leben, im eigenen Kopf. So mancher hat erkannt, dass er so nicht weitermachen kann und will, sei es in Beziehungen oder der Arbeit. Es ist gut, wenn man genau hinschaut. Und es braucht einen wirklich guten Plan, wenn man umsteigt. Einfach alles hinwerfen kann man machen. Klug Dinge in machbaren Schritten verändern Richtung guter Zukunft könnte eine Alternative sein. Für beide Strategien gibt es gute Gründe.

Läuft bei dir alles rund oder siehst du Entwicklungspotential? In welchen Bereichen möchtest du etwas verändern? Hast du bereits einen Plan oder schwankst du noch zwischen Pest und Cholera? Vielleicht gibt es ganz andere Ideen – irgendwo da draußen?

Allen einen guten Wochenstart in eine Woche ohne Katastrophen. Eine mit schönen Gesprächen, liebevollen Momenten und allem, was wir uns nur wünschen können.

 

Einfach mal durchschnaufen, einfach nix müssen, nur sein – am Bergsee gelingt das gut. Danke für die liebe Erinnerung, Ursula!

Den mittleren Weg wählen

Sokrates hat in unserem heutigen Zitat eine tiefe Wahrheit ausgesprochen. Es gibt viele Geschichten über das Leid und den Versuch, es gegen ein leichteres einzutauschen, um dann doch beim eigenen zu enden. Für jeden von uns scheint das eine Maßanfertigung zu sein, wobei es ausreichend Zeiten im Leben gibt, da verzweifeln wir an der Last und Art des Leids.

Das Leben ist ein Prozess, wir pendeln nicht nur zwischen Extremen im Inneren, sondern erleben das auch sehr stark im Außen in diesen Monaten. Buddha lehrte den mittleren Pfad, auf dem man wandeln möge, damit man bei sich bleiben kann, ohne zerfetzt zu werden von den Stürmen des Lebens, so, wie das bei unseren Fähnchen im Garten ist, die jetzt tropfend nass und sturmgebeutelt herunterhängen. Mittlerer Weg meint nicht den Weg des Mittelmaßes, sondern der Einzigartigkeit, ruhend in der Mitte seines Wesens.

Unsere Mitte verlieren wir immer wieder. Sie stets aufs Neue anzupeilen und zu erreichen ist manchmal leicht und manchmal kaum vorstellbar.

Allen, die sich gebeutelt fühlen – nichts bleibt, auch nicht die Zeit des Schreckens. Bittet um Hilfe, damit andere wissen, was ihr braucht und euch die Hand reichen können. Allen, die es gut haben – memento mori. Bedenken wir immer, dass wir sterblich sind, von einem Moment auf den anderen. Das Memento mori kann  eine gute Leitschnur für unser Handeln sein. Wenn wir versuchen, stets so zu handeln, dass wir jederzeit von der Lebensbühne abtreten könnten und wüssten, dass es gut war, dann ist alles richtig gewesen. Aber leben wir keinen Tag so, als hätten wir noch Abertausende davon, die wir vergeuden können mit Überflüssigem.

Allen ein gutes, frohes Wochenende mit möglichst viel Glück, freundlichen Momenten und wunderbaren Menschen um euch herum.

 

Wir gedeihen wie diese Sommerwiese, die Ursula dankenswerter Weise fotografiert hat, am besten in einer kunterbunten Mischung. Ist das nicht wunderschön? So kommt jede einzelne Blüte gut zur Geltung und zusammen ist es Freude pur.

Häufchen zur Wahl

Wenn wir all unser Unglück auf einen gemeinsamen Haufen legten und dann jeder davon einen gleich großen Teil wieder an sich nehmen müsste, so würden die meisten Menschen zufrieden ihr eigenes Unglück zurücknehmen und davongehen.

Sokrates, 469-399 vor Christus

Ursula schickt uns diese sommerliche Abendstimmung. Lieben Dank!

Kommunikation ist alles

Ein Coachingtermin in einem Team stand an. Beim Losfahren war es knapp, also den Weg statt Landstraße über die Autobahn gewählt. Prima. Stopp and go wegen Unfall. Beim Wechsel auf die zweite Autobahn dann die Erkenntnis: meine Abfahrt ist gesperrt. Umleitung. Blöderweise das entscheidende Schild übersehen und dann erstmal 20 Kilometer weiter in die falsche Richtung quer durch die Pampa und alles auf der Gegenautobahn wieder zurück. Drei Baustellen mit Stopp and Go. Der Ankunftstermin war erreicht, da hatte ich gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft. Der Rest lief flott und der Ort ließ sich leicht finden, eine riesige Tiefgarage daneben, weil da eine Mall ist. Durchschnaufen.
Fix im Kopf umschalten, weil erst eine Einzelgesprächsrunde mit den Teammitgliedern anstand. Das macht mir richtig viel Freude, einfach jeden Menschen zu erleben, seine Sicht der Dinge zu erfahren, bevor es dann im großen Team um Kommunikation und Wertschätzung ging.
Beim Heimfahren entschied ich mich für halb Landstraße, halb Autobahn, auf meiner Haus- und Hofstrecke rund um Würzburg kann ich super nachdenken, weil ich nicht auf Schilder im Dunkeln achten muss. Da kann dann der Tag mit allem Erlebten gut bedacht werden, ehe es am Schreibtisch daran geht, die Notizen ins Reine zu schreiben, solange die Erlebnisse frisch zurückliegen.
In vielen Teams ist die Kommunikation schwer. Noch krasser, wenn durch die Pandemie lange kein Teamfeeling mehr möglich war und sich alle erst wieder an Menschen und das Miteinander gewöhnen müssen. Das überfordert viele. Wir haben regelrecht verlernt, freundlich, respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen.
Das ist der Hauptpunkt, wenn es um ein besseres Miteinander geht – lausche ich, was der andere sagt? Nehme ich ihn mit seinem Anliegen wahr? Kann ich Beruf und Privatleben trennen oder trage ich alles überall mit hin? Bin ich authentisch? Betrachte ich Aussagen als Anweisung oder Information? Was ist unser gemeinsames Anliegen im Team? Welche Ziele haben wir uns gesteckt und welche Werte sind die Basis unseres Tuns?
So ein Teamtag kann Impulse setzen, die langfristig durchaus Zusammenarbeit tiefgreifend verändern können. Es braucht Offenheit, Mut und Entwicklungswünsche. Dann kann vieles entstehen.
Was möchtest du in deinem Team auf den Weg bringen? Auch wenn du ein Einzelkämpfer bist, bist du ein Team aus Millionen von Zellen, vielen Organen und Kontakten im Außen – wie möchtest du das gestalten? Agieren oder Reagieren? Offen oder geschlossen?
Allen ein erholsames Wochenende und den Ferienmenschen frohe Tage voller Inspiration und genug Schlaf.

Sigrids Sonnenblume hat einen spannenden Schatten. Danke für dein Foto!

In schönster Seelenharmonie

Wie liegt die Welt

Wie liegt die Welt so frisch und tauig
vor mir im Morgensonnenschein.
Entzückt vom hohen Hügel schau ich
ins grüne Tal hinein.

Mit allen Kreaturen bin ich
in schönster Seelenharmonie.
Wir sind verwandt, ich fühl es innig,
und eben darum lieb ich sie.

Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

Wilhelm Busch, 1832-1908

So hat sich Maike vermutlich gefühlt, als sie sich auf diesen Weg in den Bergen gemacht hat. Danke für dein Foto!

In der Dämmerung

Dämmerung, egal ob am Morgen oder am Abend, finde ich wunderbar. Jetzt ist mir Christian Morgensterns wunderbarer Text in die Hand gefallen. Ist das nicht großartig? Töchterchen Nacht greift in Mutters Schürze und tupft Sterne und am Ende den Mond an den Himmel.

Das hat mich an eine Zeile aus einem Gedicht von Mascha Kaléko erinnert: „Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“ Den Satz habe ich gestern in einer Aufstellung zu einer Klientin gesagt, die mit unendlich vielen Herausforderungen im Leben konfrontiert wird. Es ging um die Frage, ob man auch in enorm anstrengenden, chaotischen und schweren Zeiten Momente der Freude und Dankbarkeit finden kann. Ja, es ist aber ungleich schwieriger als in frohen Zeiten. Am Nachmittag sagte mir ein Klient, er fände es einfacher, in schweren Zeiten freudige Momente zu entdecken, denn wenn er gut drauf ist, vergisst er, für etwas, was dann selbstverständlich ist, dankbar zu sein. Auch das ist eine richtige Beobachtung.

Wenn es dir schlecht geht, siehst du einen Stern am Himmel leuchten. Geht es dir gut, beachtest du den Sternenhimmel vielleicht gar nicht, er ist „halt da“.

Kannst du die „blaue Stunde“ genießen? Kennst du Astrid Lindgrens zauberhafte Geschichte von Herrn Lilienstengel dazu, diese berührende Geschichte eines kleinen kranken Jungen, der in der Dämmerung laufen, springen, sich bewegen kann und tolle Abenteuer erlebt? 1949 wurde „Im Land der Dämmerung“ von Astrid Lindgren veröffentlicht. Vielleicht magst du die Geschichte einmal in der Abenddämmerung lesen oder vorlesen? Und dich daran erinnern, welche unglaubliche Macht Phantasie hat?

Allen einen freundlichen Jupitertag.

 

Kleine Sonnen im Garten.

Das letzte Licht sammeln

Abenddämmerung

Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebückten Ganges
durchs Gefild
und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.

Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,
von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf
und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.

Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen
ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.

Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiß,
als wär es mit Mehl
rings überpudert.

Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll
und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen großen,
runden Tupfen –
das ist der Mond.

Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es
langsam
zu Bette.

Christian Morgenstern, 1871-1914

Danke an Theresa für das Maschseefoto in der Abenddämmerung.

Einfach nur sein

Ferienzeit wäre die Zeit der Ruhe und des Erholens. Wenn, ja wenn wir uns dazu die Erlaubnis erteilten, was viele von uns nicht tun. Dieses Jahr ist es besonders. Nach den Erlebnissen der letzten Monate möchten viele einfach nochmal verreisen, damit sie von den Erinnerungen an andere Länder und Landschaften zehren können oder rauskommen aus dem Hamsterrad, von der Überlegung getriggert, dass wir nicht wissen, was der Herbst bringt. Ehrlich gesagt wüssten wir das in keinem Fall, egal, wie die Weltlage ist. Von einem Tag auf den anderen können sich Dinge im kleinen wie im großen Stil verändern. Unsere Angst besteht darin, dass sich alles zum Negativen dreht.

Was, wenn dem nicht so ist? Was, wenn wir die Kraft aller zusammentragen und die Zukunft mit guten Fragen einladen, wir sie gestalten, indem die dringend notwendigen Veränderungen in den Systemen wie Schule, Senioren, Gesundheit, Arbeit, Umwelt und vielem mehr angestoßen werden? Was, wenn wir uns alle zusammentun und den Mut haben, Prototypen zu entwickeln, mit denen wir testen können, was sich bewähren mag? Was, wenn wir aufhören, Angst zu haben, weil wir uns hilflos fühlen und in das Gefühl kommen, dass kleine Schritte sehr wohl machbar sind?

Was, wenn wir jetzt einfach für eine Zeit in die Stille gehen und ganz bei uns selbst in der Tiefe ankommen, um unsere eigene Kraft wiederzufinden?

Herzliche Einladung. Setzt euch innerlich an einen stillen See. Nehmt die Stille wahr. Bienen summen, Hummeln brummen, Vögel zwitschern, sacht streift eine Brise durch das Schilf, die Blätter der Bäume. Das Sonnenlicht fällt durch den Blätterfilter, malt Kringel auf den See. Wolken spiegeln sich vielleicht. Ab und an taucht ein Fisch auf.

Einfach nur sitzen, atmen, wahrnehmen. Das Geschenk annehmen, einfach nur zu sein, nichts zu müssen.

Nur atmen. Sein. Sonst nichts.

Schau, was passiert, wenn du allen Lärm der Welt hinter dir lässt und ankommst. In und bei und mit dir. Nur atmen. Sein. Alles ist gut.

 

Schöner kann man es nicht illustrieren. Danke an Steffi!

Schneller, schneller! Oder nicht?

Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.

Mahatma Gandhi, 1869–1948

Wer zu Fuß geht, entschleunigt massiv. Theresa hat unterwegs auf dem Jakobsweg diese Szenerie für uns im Bild festgehalten. Danke!