Zwischen den Welten

Zwischen Tag und Traum liegt die Abenddämmerung. An manchen Orten auf der Welt ist der Übergang zwischen Tag und Nacht kurz. Als Kind liebte ich diese magische Stunde. Es gibt ein Märchen von Astrid Lindgren: „Im Land der Dämmerung“, das liebte ich sehr und dachte jeden Abend, wenn meine Lieblingszeit kam, daran. Herr Lilienstengel kommt in diesem Märchen vor, der den kleinen Göran besucht, der mit einem kranken Bein im Bett liegt. Herr Lilienstengel taucht auf, als Göran mitbekommt, wie seine Eltern darüber sprechen, dass er nie wieder wird laufen können. In diesem Moment tiefster Traurigkeit erscheint Herr Lilienstengel und nimmt Göran mit ins Land der Dämmerung. Nur Göran kann den kleinen Herrn sehen und mit ihm über Stockholm fliegen.

Astrid Lindgrens Märchen gehören zu meinem Herzensschatz. Viele davon sind traurig, schwer, spielen im Armenhaus und sind durchdrungen von tiefster Menschenliebe. Wenn die Dämmerung kam, saß ich stets im Dunkeln und wünschte mir, nur einmal Herrn Lilienstengel zu begegnen, doch ich hatte kein krankes Bein. Ich vermutete lange Zeit, dass Herr Lilienstengel nur zu Kindern mit kranken Beinen kommen darf. Damals lebte ich die Kraft der Phantasie, nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass Geschichten in Büchern nicht wahr sein könnten. Sie waren alle wahr! Ich lernte auf eine wundersame und stille Art und Weise wertzuschätzen, dass wir auch aus schrecklichen Situationen heraus auf den Flügeln der Phantasie in Länder reisen können, in denen wir fliegen, Busse steuern oder Bonbons von Bäumen ernten können. In denen aus einer Nuss ein Ballkleid herauskommt. Eine Hexe in den Ofen gestoßen werden kann, wenn es an der Zeit ist und ein totes Pferd namens Fallada sprechen kann und so der armen Gänsemagd zum Prinzessinenrecht verhelfen kann durch die Kraft der Liebe.

Wie oft denke ich an diese Welten zurück und weiß – eine bessere Nahrung hätte ich als Kind nicht bekommen können. Die Grimmschen Hausmärchen haben eine uralte tiefe Weisheitskraft. Kunstmärchen kommen nicht in diese Tiefe, aber können auch viel Kraft geben im späteren Leben. Die alte Sprache macht viel aus. Wie gespannt war ich, wenn ich den ersten Satz las: „In alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat“ und wie atmete ich auf, wenn ich angekommen war bei: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

Ich liebe das Land der Dämmerung. Am liebsten ohne Licht, Hektik und Chaos. Am allerliebsten mit der ersten Tasse Abendtee in der Hand. Bereit für eine Ausschnaufzeit, ehe das Abendprogramm beginnt, oft noch mit Terminen in der Praxis, mit Gruppen oder Kursen, Vorbereitungen, Haushalt. Dieser Zäsuraugenblick im Tag ermöglicht es mir, Herrn Lilienstengel einen Gruß zu senden und zu fliegen.

Vielleicht magst du heute herausfinden, welche Qualitäten für dich das Abend- und das Morgenrot, der Übergang von Nacht zu Tag und Tag zu Nacht für dich hat. Früher glaubte man, dass in diesen magischen Momenten die Schleier zwischen den Welten licht und durchlässig sind. Sonst könnte Herr Lilienstengel auch nicht mehr nach Hause. Heute weiß ich, dass sie das sind. Habe eine wunderbare Dämmerstunde voller Zauber, Magie und dem leisem Wispern in den Ecken, wenn die Hausgeister anfangen, sich Geschichten zur Nacht zuzuflüstern.

Steffi hat diese wunderbare Waldstimmung eingefangen, die eine andere Qualität als die Dämmerung mitbringt. Ist das nicht großartig, welche Choreographien die Natur jeden Tag in den Kosmos schreibt?

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