Von Pessimisten und Optimisten

Emanuel Geibel hatte offenbar Probleme mit dem Herbst, doch das Lied des Zugvogels erinnerte ihn daran, dass die Gedanken frei sind. Uns geht es oft im Leben so. Etwas bedrückt uns, engt uns ein, nimmt uns die Freude und wir fühlen uns quasi von allen guten Geistern verlassen, bis uns irgendetwas daran erinnert, dass wir die Entscheidung darüber treffen, wie wir uns fühlen. Der Zugvogel hat Geibel an die Gedankenfreiheit erinnert. Wir dürfen uns auch oft daran erinnern, dass viele unserer Probleme vom Vergleichen stammen, hier wir, die vom Schicksal Benachteiligten, auf der anderen Seite die Glücklichen, die auch noch im Lotto gewinnen und denen alles gelingt.

In meiner Arbeit sehe ich in viele Herzen und Familien hinein. Ich lehne mich sicherlich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass der Spruch „Unter jedem Dach ein Ach“ stimmt. Überall erkranken Menschen, sterben liebe Familienmitglieder, treten Behinderungen auf, werden Arbeitsplätze gestrichen, Wohnungen an andere vermietet, was immer an Ungemach einem im Leben widerfahren kann. Manchem ist das Glas halb voll, dem anderen halb leer und beide haben auf ihre Art und Weise Recht. Ich finde nicht, dass Optimisten mehr Frust bekommen, weil sie oft enttäuscht werden und Pessimisten mehr Bestätigung, weil ihre Sicht oft zutrifft. Es gleicht sich aus und ist manchmal reine Zeitvergeudung, weil die Dinge sind, wie sie sind, nicht so, wie wir sie gern hätten.

Die spannende Frage ist: Warum gelingt es manchen Menschen scheinbar besser als anderen, mit schwierigen Lebenslagen klarzukommen? Die Antwort ist schlichter als man meint (wie immer): Sie wissen, dass du mal der Baum und mal der Hund bist. Wenn sie der Baum sind, ertragen sie es und wissen – es geht vorbei. Wenn sie der Hund sind, pinkeln sie ungeniert und wissen: auch das geht rum. Es ist ein Annehmen und das ist etwas ganz anderes als wenn wir mit Erwartungen in Situationen gehen. Ich erwarte dieses und jenes. Ich erwarte, dass ich immer gesund bin. Ich erwarte, dass der Partner mich immer liebt. Und was geschieht? Anderes. Das Problem ist nicht, dass sich Dinge anders entwickeln, sondern unsere enttäuschten Erwartungen. Wie das Wort schon sagt, sind Enttäuschungen vielleicht das Ende von Täuschungen. Wie oft lügen wir uns selbst in die Tasche, malen in Gedanken tiefschwarze Dinge rosarot mit Rüschen und wünschen uns, dass unsere Fata Morgana niemals weggehen möge und doch müssen wir eines Tages schmerzlich erkennen: das war leider nix.

Menschen, die gelernt haben, die Welt zu nehmen wie sie ist, den anderen zu akzeptieren, wie er ist und Teile an ihm gut finden können und andere eben nicht, kommen einfacher klar. Sie haben mehr Gelassenheit, weil sie ihre Erwartungen los-ge-lassen haben, sie sind viel näher an der Realität, weil sie auf irgendwelche Brillen verzichten, sondern klar und ruhig hinschauen.

Ob wir es wollen oder nicht: der Herbst kommt, der Winter naht. Und sie gehen vorüber und dann kommen Frühling und Sommer auch wieder. Kein Grund zur Panik also. Geld ist auch nicht weg, es ist halt leider oft woanders. Aber wir, wir sollten immer an genau einem Ort sein: in diesem Körper, den wir haben und zwar hier und jetzt. Nicht mehr, nicht weniger. Frohes Üben. Schönen Marstag!

 

Zur Zeit stellen wir viele Themen in Einzelarbeit mit Kissen oder Figuren, dem Familienbrett etc. auf, denn viele Menschen nutzen diese Tage, um einen Berg an Fragen zu klären, die das Jahr aufgedeckt hat. Ein Vorteil von Corona: nix passt mehr unter die Teppiche. Alles ist nach oben gekehrt und möchte gern weggeschaufelt werden. Beste Chancen, das zu tun! Respekt allen, die derzeit so super Klarheit in ihrem Leben schaffen. Willkommen!

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