Mittwochs-Nachdenk-Input

Die Zeiten sind bewegt und bewegend. Draußen toben die Meinungsverschiedenheiten zwischen „alles auf normal stellen“ und „Achtung zweite Welle“. Orientierung ist für Normalsterbliche nicht wirklich möglich, also lasse ich es sein und übe mich in Zurückhaltung, staune über die Verbissenheit des Kampfes und die Sinnlosigkeit von Hass, der nie etwas anderes erzeugt als wieder Hass. Das kann in keinem Fall eine Siegerstrategie sein. Ich bevorzuge Offenheit, Gespräch, Faktenlage und in Sachthemen möglichst wenig Emotionalität, sie hilft da nicht wirklich.

Drinnen kämpfen die Menschen ihren eigenen Kampf. Die Dame an der Kasse im Supermarkt, die Probleme hat, weil sie in den Wechseljahren ist und ihr die Maske das Gefühl gibt, nicht genug Luft zu bekommen, so dass sie von einer Hitzewallung in die andere fällt, restlos erschöpft ist, sich dann im Kühlhaus beim Warenholen eine Erkältung einfängt und sich alles verschärft. Mein behinderter Bruder, der eine Maske tragen soll, wenn er dreimal die Woche mit dem Krankenwagen abgeholt wird, damit in der Klinik der Verband an seinem Knie gewechselt werden kann. Für ihn ein Alptraum, er muss auf eine Trage, er wird von fremden Menschen angefasst und jetzt eine Maske! Für hospitalisierte Autisten mit schwerster geistiger und körperlicher Behinderung ist das der Alptraum ever. Er versteht das mit der Maske nicht und irgendwelche Aufforderungen, er möge sie aufsetzen, löst in ihm nur einen Angstanfall aus, der krasse Folgen haben kann. Wenn er von der Bahre springt, sind 10 Monate Klinikaufenthalt und seit Corona die Fahrten dreimal die Woche ins Krankenhaus dann mal wieder für die Katz. Hatten wir alles schon, damit befasst ist er nun seit drei Jahren und meine alten Eltern mit, die das kaum mehr bewältigen.

Die Kindergärtnerin, die Panikattacken hat und in der Krippe arbeitet. Wenn die Kleinen weinen und sie darf sie nicht in den Arm nehmen, wenn, dann mit Abstand und Maske – was macht das mit Kindern, die in ihrem Fall Frühchen waren und nun langsam aufholen sollen, sie brauchen erst recht Körperkontakt und Umarmungen.

Menschen, die mir in der Praxis gegenübersitzen und Angst haben, weil während des Lockdowns klar geworden ist, dass die Partnerschaft nicht mehr trägt. Wie soll es weitergehen, wo einer der Partner seit Wochen Kurzarbeit hat und der andere als Selbstständiger keine Aufträge, weil Gastronomie? Wie soll das gehen, fünf Jahre nach dem gemeinsamen Hausbau und drei Kindern?

Mütter mit behinderten Kindern, die seit sieben Wochen daheim sind und die weiter freigestellt bleiben müssen für die Pflege des Kindes und überfordert sind mit dem Kind, der Pflege, dem Homeschooling der anderen Kinder und der Unsicherheit, wie sie wieder ins Arbeitsleben kommt, denn ihr Arbeitsplatz muss besetzt werden und sie hat als Alleinerziehende keinen Plan, wie das gelingt.

Es sind schwere und bewegende Zeiten. Schicksale werden massiv und geballt neu gemischt. Menschen müssen sich jetzt ganz neu erfinden, weil das, was sie bisher gemacht haben, mit einem Schlag vorbei ist.

Vieles muss sich nun erst einmal sortieren. Dampf muss raus, Dinge müssen sich setzen und angeschaut werden, um zu einer neuen Bewertung zu gelangen, was bleiben kann und was nicht. Es geht hier in jedem Fall und immer um Menschen. Menschen mit Ängsten und Nöten, mit Visionen und genialen Ideen, um Menschen, die erst groß werden sollen und Sicherheit und Geborgenheit brauchen, um Menschen, die alt sind und sich Sorgen machen, wie es weitergeht.

Respekt für alle, die in diesen Wochen stabile Faktoren im Umfeld ihrer Mitmenschen sind. Die unaufgeregt ihre Arbeit tun und versuchen, selbst immer wieder in die eigene Mitte zu kommen, weil jeder mal ausflippt und Angst hat, wütend ist, für etwas kein Verständnis mehr hat. Sie machen das in Ruhe mit sich aus und stehen dann wieder wie ein Leuchtturm in stürmischer See. Ich finde, es gibt seit Wochen so viele Helden des Alltags, Königinnen und Könige der Herzen. Feiern wir sie.

Allen einen beweglichen und bewegenden Mittwoch.

Manuela hat ganz genau hingeschaut mit ihrer Kamera. Ist diese Welt nicht ein einziges Wunder?

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