Kennen und Können

Die Menge des Nichtwissens in unserer Zeit ist riesig. Die Zeiten der Universalgenies sind seit Goethe vorbei. Das macht die Frage so spannend, ob es überhaupt noch darauf ankommt, irgendwelches Wissen zu vermitteln in der Schule, oder ob es nicht sinnvoller ist zu erlernen, wie man Wissen selbstständig erwerben kann, im Idealfall mit dem Augenmerk darauf, was einen Menschen denn von sich aus wahrhaftig interessiert und das Wissen deshalb auch leicht aufnehmen kann.

Was sind Fertigkeiten, die wir lernen sollten? Ich denke, was Schule vermitteln sollte, ist Neugier auf alles. Ein Kind ist nicht schlecht in Mathe oder unbegabt für Sprachen. Es ist grundsätzlich mal an fast allem interessiert, solange man es das selbst erforschen lässt. Selbst forschen, herausfinden und unterwegs lernen, wie man sich hilft, halte ich für wichtig. Viel mit den Händen machen ist auch kein Schaden – warum nicht nähen, Getreide säen, ein Fahrrad reparieren lernen und dabei etwas über die Herstellung von Stoffen vom Altertum bis heute, die Aussaat und Getreidearten sowie moderne Landwirtschaft und Technik lernen? Am besten von Menschen, die das beruflich tun, weil sie es einfach besser wissen, weil täglich tun?

Musik und Geschichten sind lebenswichtig, was bedeutet – ein Instrument erlernen, vielleicht eines selbst bauen, Geschichten erzählt bekommen, weil wir selbst werden, was uns unsere Kopfgeschichten über uns erzählen. Uns bewegen, weil wir sonst Schreibtischopfer werden, die nicht viel be-griffen haben. Gemeinschaft erfahren, indem Junge Alte besuchen, sich gegenseitig helfen. Warum nicht Senioren für den Schulgemüsegarten fragen, die Küche und wer gerade einen schlechten Tag hat, hilft beim Gemüseschnippeln, Tischdecken oder Servietten falten?

Wenn Sozialkompetenz angelegt ist, lernt sich Medienkompetenz schnell und dann können Desks mit Aufgabenangeboten irgendwo stehen – der Schüler ruft ab, was er machen will und weiß ab einem gewissen Alter, dass er bestimmte Dinge bis zu einem bestimmten Termin erledigen muss, damit er einen Nachweis bekommt. Es gibt Gesprächspartner, die Auskunft zu allen möglichen Themen geben. Wissenschaftler, die ansprechbar sind für die jungen Menschen und ihr Labor aufmachen, Praktika anbieten, Firmen, die erkennen, dass guter Nachwuchs eine Frage dessen ist, dass junge Menschen schauen können, was eigentlich dort gemacht wird und das spannend und vor allem wichtig für das Überleben der Menschheit ist. Das können am besten Menschen erklären, die das jeden Tag tun und lieben, was sie tun. Die Sinn in ihrer Arbeit leben.

Schule soll auf das Leben vorbereiten. Was ist das Leben? Kein geplanter getakteter Alltag, sondern immer mehr Chaos und Unsicherheit. Leben ist Surfen von Wellen, von denen keine so ist wie die vorhergehende. Leben ist Flexibilität, Neugier, Umgang mit Frustration und Begeisterung gleichermaßen, ist die Suche und das Finden, das Balancieren zwischen Krankheit und Gesundheit. Die eigentliche Schule ist das Leben selbst.

Förderung ist die Kunst, zwischen Fordern und Überfordern einen guten Weg zu finden. Potentiale zu erkennen, wo vielleicht noch nicht viel aus dem Ackerboden schaut. Es bedeutet, Träume zu ermöglichen, anstatt sie mit den Worten „das ist doch Quatsch“ zu zertrümmern. Wer weiß, ob in manchen Träumen nicht die Möglichkeiten der Lösung von Zukunftsfragen steckt. Förderung bedeutet anzuerkennen, dass wir keine normierten Nikoläuse sind, alle gleich in Geschmack, Textur und Aussehen, sondern dass die Vielfalt Chance ist. Vieles ist oft weder gut noch schlecht, sondern unser Umgang damit macht es zu positiven oder negativen Einflüssen auf das Leben. Die Fertigkeit des Unterscheidens ist Aufgabe der Bildung. Natürlich gibt es Menschen, die sind intellektueller als andere, theoretisch interessierter, andere sind Praktiker durch und durch – das ist gut so. Werden wir diesen Fähigkeiten gerecht? Im Moment nicht mehr.

Wer in der Zukunft Vielfalt im Können erleben will, darf jetzt Vielfalt im Kennenlernen fördern. Kreativität entsteht nicht im Normierungstopf, gespeist vom Schulkücheneinheitsbrei.

 

Vielfalt im Hofgartenbeet. Danke an Annemarie für das Foto!

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