Freitags-Nachdenk-Input

Selbstbeherrschung, die Albert Schweitzer anregt in seinem Zitat – eine sehr hohe Kunst, die zudem nochmal schwerer ist, wenn man eher zum sanguinischen oder cholerischen Temperament gehört, da zischt dann schon mal schneller etwas heraus, bevor das Gehirn gefiltert hat. Gestern Abend ging ein wunderbarer Eurythmiekurs zu Ende und wie üblich haben wir uns danach noch ordentlich verschwätzt. Da ging es unter anderem auch um die Frage der Disziplin und ob das ein Wert sei. Für einige Menschen ist das ein höchst negativer Begriff.

Grundsätzlich stammt Disziplin von disciplina ab, was Lehre oder Schule heißt und manchmal auch mit „Zucht“ übersetzt wird. Der Begriff ist natürlich negativ verbunden mit „Zuchthaus“, „Zucht und Ordnung“ und da schwingt jede Menge schwarzer Pädagogik mit.

Selbstdisziplin ist durchaus ein beachtlicher Wert, wie die Dunedin-Studie von 2011 belegen kann. Darin wurde geprüft, ob bestimmte Aspekte von Selbstkontrolle in der Kindheit wie Selbstdisziplin, Gewissenhaftigkeit, aber auch Ausdauer auf ein späteres erfolgreiches Leben Auswirkungen haben – sie haben es in den Bereichen Gesundheit, materiellen Wohlstand und Zufriedenheit, ganz frei von sozialem Stand und Intelligenz. Wer als Kind gelernt hat, auch mal an etwas dranzubleiben, sich durchzubeißen, sich geübt hat, nicht dauernd alles und sofort haben zu müssen und zu wollen und angehalten wurde, auch zuverlässig zu sein, tut sich später leichter.

Ein hervorragendes Hilfsmittel zum Erüben dieser Werte stellt das Erlernen eines Instruments oder einer Sportart dar. Denn all diese Dinge wie Gewissenhaftigkeit, Ausdauer und Selbstdisziplin werden hier ganz selbstverständlich erübt. Nehmen wir Kindern diese Entwicklungsmöglichkeiten, ist das schade. Viele Erwachsene bedauern es sehr, wenn sie kein Instrument spielen können und je nach Sportart kann der Mensch bis ins höchste Alter hinein beweglich sein und wird so auch seinen Geist beweglicher halten.

Was das bringt, sieht man erst viel später. Ich bin schon mit drei Jahren ins Ballett gekommen, das waren früher noch ordentliche Drilleinheiten. Was habe ich mitgenommen aus fast 13 Jahren Ausbildung? Ein sehr breites Repertoire an Musik und Choreographien in meinem Kopf. Ein enormes Maß an Disziplin. Die Fähigkeit, mich komplett in mir selbst auszubalancieren. Aufrichtekraft und Haltung. Tiefen Respekt vor Menschen, die gute Selbstbeherrschung haben. Und allertiefsten Respekt vor der Leistung vieler Sportler, Musiker, Tänzer und aller, die immer wieder entweder ihren Geist dehnen oder sich selbst herausfordern, um im Grenzbereich flexibel zu bleiben. Und ein ganz tiefes Wissen darüber, dass wir immer und immer üben dürfen, denn etwas darf in Fleisch und Blut übergehen, sonst ist es nicht „verinnerlicht“.

Allen einen freundlichen und wertigen Venustag.

Das herrliche Bergseefoto stammt von Katja. Ich hatte beide Fotos nebeneinander und fand es sehr erstaunlich, wie anders ein Bergsee wirken kann. So hat jeder Fleck auf dem Planeten seine ganz eigene Schönheit. Danke für das Foto!

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