Freitags-Nachdenk-Input

„Ich lerne immer“ – diese Aussage von Michelangelo finde ich großartig. Genau das tun wir, jeden Tag aufs Neue. Wir lernen, ob wir etwas gut schaffen oder bestens scheitern, wir lernen von den Menschen, die uns begegnen, von der Natur, von allem. Blicken wir nachts zum Sternenhimmel, lernen wir vom ältesten Bilderbuch der Menschheit. Immer lernen wir. Jeder Tag ist eine einzige Abfolge von Lernchancen. Genau das macht für mich Leben aus – immer weiterlernen zu dürfen. Hoffentlich bleibt mein Hirn lange fit, damit immer noch was „reingeht“ bis zum Ende.

Schade, dass manche Menschen an einem bestimmten Tag im Leben beschließen, dass sie nicht mehr lernen möchten. Sie sind überfordert mit „dem modernen Zeug“, fühlen sich außen vor, weil sie vielleicht nicht mehr so schnell sind, schlechter sehen, hören, was immer. Vielleicht muss ich auch ab einem bestimmten Punkt im Leben nicht mehr alles mitmachen, ich darf dann auch mal aufhören, alles Neue an mich heranzulassen. Wenn es im Gegenzug dafür gelingt, den Suchscheinwerfer meines Lernens ins eigene Innere zu richten, meine Schattenseiten auszuleuchten, anzunehmen und bis zum Ende meines Lebens in eine gute Balance zu bringen, ist das wunderbar. Tsültrim Allione, die große Weisheitslehrerin von Tara Mandala, ist seit Monaten in den Bergen im Retreat. Neulich sagte jemand: „Das würd ich auch gern mal machen“ – das glaube ich nicht. In restloser Abgeschiedenheit, konfrontiert mit einer heftigen Natur, seinen folternden 60.000 Gedanken am Tag ausgeliefert sein ist nichts, was man „aus Spaß“ macht, sondern weil ein massiver innerer Reinigungs- und Loslassprozess stattfindet, dem ähnlich, der geschieht, wenn aus der Raupe ein Schmetterling wird. Allione möchte ein Jahr in einer kleinen Hütte bleiben. Allein die Tatsache, ein Jahr weitgehend ohne menschliche Ansprache und mit sich selbst konfrontiert zu sein, wird bei uns Westlern vermutlich schnellstmöglich einen Wahnsinnsanfall auslösen. Wer sich so ein Projekt vornimmt, ist geübt im Lernen, geübt im Annehmen der Schattenseiten, geübt darin, im Anblick großer Angst „mu“ zu entwickeln, Leere, Hingabe, die sich an die Angst verschenkt und sie füttert, damit sie sich zu Mut verwandeln kann.

Lernen findet immer exakt an dem Ort statt, an dem wir uns gerade befinden. Was genau hast du heute schon gelernt? Wem warst du heute Lehrer? Was nimmst du mit von diesem Tag?

Allen einen liebevollen Venustag.

Danke für das tolle Herbstfoto, Ursula.

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