Ein Anfall von Romantik

Mitten im Sommer überfällt mich gern der Drang, den Vorratsraum zu füllen mit dem, was der Garten so hergibt. Wer weiß, was der Winter bringt, Sonne im Glas hat was. Früher wurde so viel selbst eingekocht, was praktisch war, denn die gefüllten Weckgläser standen in Reih und Glied, nach Sorten eingeteilt und warteten stromlos auf Verwendung. Da gab es keine Tiefkühlkost, die Menschen waren unabhängig von der Stromversorgung, das gefällt mir gut.

Ab und an hege ich Gedanken an einen Weck-Automaten. Ebenso fände ich die Idee, die Schränke sauber auszuwischen und den Garten tipptopp zu haben, schön. So, wie ich auch gehäkelte oder gar (Steigerung: selbst) geklöppelte Spitze wunderschön an massiven Holzregalen finde.

Meine Realität sieht anders aus. Die Johannisbeeren habe ich in tiefer Nacht von den Stängeln gezupft, sie harren im Gefrierschrank der Versaftung, wenn alle Beeren des Jahres beisammen sind. Dann wandert alles in den dickbauchigen Entsafter und gut. Von wegen sortenreine schwarze Johannisbeere, weiße Johannisbeere, rote Johannisbeere. Mix wie immer mit Stachelbeeren, Brombeeren und allem, was an Beeren sonst im Garten wächst inklusive Aronia. Ich lege nicht 1000 kleine feine Gurken in der alten Kinderbadewanne ein, um dann Gläser mit Senfkörnern, Dill und feingeschnittenen Zwiebelringen für den Essigsud vorzubereiten.

Manche Dinge finde ich am modernen Leben schade. Natürlich könnte ich die Priorität setzen und sagen – das Einlegen von Gewürzgurken hat Vorrang. Daneben stehen Menschen, die im Moment Unterstützung brauchen. Kurzes Überlegen und die Entscheidung fällt: Die Gewürzgurken legen die ein, die das gut können und ich mache das, was ich gut kann.

Die Romantik alter Zeiten entbehrt jeder Grundlage. Ich weiß, wie ich es als Kind gehasst habe, Tonnen von Kirschen und Zwetschgen entsteinen zu müssen, während die anderen Kinder gefühlt im Freibad waren (sie waren ebenso wie ich daheim pissy mit Kirschen und Zwetschgen beschäftigt). Im Winter gab es die Zwetschgen, die dann durchaus sehr tot aussahen, auf dem Grießbrei und ich schwor mir – das tu ich keinem Kind an.

Von daher wundert mich gelegentlich mein Anfall von Folklore. Vielleicht ist es die Sehnsucht in uns Menschen im Sommer, für den Winter ausreichend Vorräte zu haben, weil es eben doch überlebenswichtig ist. Und ein kleiner Teil in mir misstraut dem Tiefkühler, denn: Strom weg, Essen weg. Das Glas braucht keinen Strom.

Nettes Argument heute Morgen: im Laden kann man das kaufen. In Gläsern. Ohne Strombedarf. Klar. Und dann rattert es los – wer hat es angebaut? Wurde es mit Liebe gepflückt, wuchs es ungespritzt auf und womit wurde es haltbar gemacht? Manche unserer heutigen Fragen waren für Ururoma kein Thema. Sie hat eingemacht, was im Garten gewachsen ist. Kein Transportweg. Kein Schnickschnack. Einfach nur die selbstverständliche tägliche Handarbeit und unsere Vorstellung, wie schön das wohl gewesen ist. Es war alles außer schön.

Ich habe jetzt mal ein paar Gläser Gurken auf die Einkaufsliste geschrieben. Der Hamstergeist in mir fühlt sich dann vermutlich besser. Und Erbsen im Glas und vor allem drei Sorten Bohnen, grüne, gelbe und weiße, falls man sie kaufen kann. Zur Sicherheit. Der Winter naht.

Allen einen freundlichen Merkurtag mit guten Ernten und wenig Wetterchaos.

 

Steffi hat den Himmel fotografiert. Der Blick nach oben ist derzeit für viele von Sorgen begleitet. Möge alles gutgehen.

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