Advents-Deko-Wahn

Schon ist der November fast am Ende angelangt, alle schmücken ihre Fenster für den Advent und stellen ihre blinkende Deko nach draußen. „Damit es schön leuchtet, wenns schneit“, höre ich. Je älter ich werde, desto weniger ist mir nach Deko. Nie käme ich auf die Idee, jedes Jahr nach dem neuesten Weihnachtstrend zu fragen.

Das andere Extrem gerade in der Herkunftsfamilie – da wird alles „wie immer“ aufgestellt, inklusive leuchtendes Reh im Garten (noch ohne Schnee, was dann auch immer seltsam anmutet). Raus mit den Zimtstangenpotpourris etc. und allen Weihnachtsdecken, damit man sie schon mal zur Hand hat. Zum Glück haben wir noch genug rote Kerzen gefunden. Drama pur wäre sonst angesagt. Das erste Mal macht es der Vater alleine und es ist ihm total wichtig, dass alles richtig gemacht wird.

Jetzt bin ich ja durchaus sehr begeistert von der Wintersonnwende und allem, was damit zusammenhängt (weniger von Weihnachten), aber Dekowahnsinn ist meines so gar nicht. Ich klatsche ein paar zauberhafte Fenstersterne hin (von denen ich jetzt ganz viele entsorgt habe, weil sie ausgebleicht sind nach 20 Jahren) und wehre mich tapfer, vor dem 1. Advent mit Weihnachtssternen ausgestattet zu sein. Doch der Versuch des Vaters heute, alles so aufzustellen, wie es meiner Mutter gefallen hätte und sich auf das erste Weihnachten seit 62 Jahren ohne sie einzustellen, hat mir schon ein wenig den Rest gegeben. Rituale geben Halt, ich sehe das wohl (was sich für mich eher wie ein viel zu enges Korsett anfühlt).

Mein Vater bügelt, kocht und versorgt meinen Bruder meisterlich. Tag und Nacht macht er sich Sorgen, dass er stürzen könnte und dann alles den Bach runter geht. Vor dem angekündigten Schnee hat er Panik, weil er mit fast 87 Jahren und seinen abgearbeiteten Händen keine Schaufel mehr halten kann. Jeder Versuch, ihn mitsamt meinem behinderten Bruder aus seinem Haus hierher zu holen, ist sinnlos. Daheim ist alles gewohnt, vertraut und sicher. Er hat Freude am Facebookvideo seiner Enkelin, die mit dem Jungen Vokalensemble Hannover Händels Messias aufgeführt und ein Video davon ins Netz gestellt hat. Er wuselt herum und überlegt, ob die Weihnachtsdecken reichen.

„Wir singen doch an Weihnachten wieder alle Lieder, oder?“, fragt er und hofft, dass die ehemaligen Nachbarn auch in diesem Jahr einen Mistelzweig vorbeibringen und was meine Mutter dem Postboten zum Fest gibt. All das schreibt er sich auf, damit er es nicht vergisst und besorgt beim Freitagseinkauf, den wir miteinander machen, nach und nach alle Sachen. Und freut sich sehr, wenn er sich am Freitag an den gedeckten Tisch setzen und einfach nur essen kann.

Ich glaube, die beiden Herren, die da nun miteinander versuchen klarzukommen und alles gut und richtig zu machen, jeder auf seine Weise, genießen diese Freitagsmittagessen. Ich fluche innerlich, wenn ich versuche, das alles am Donnerstag noch in meinen Tag zu quetschen, damit ich am Freitag putzen, einkaufen und helfen kann, doch spätestens, wenn sie da so sitzen und zuschlagen und ich weiß, dass sie ab Sonntag, wenn auch das vorgekochte im Gefrierfach weggefuttert ist, sich auf Freitag freuen, auch wenn sie jeden Tag gemeinsam kochen, ist es auch wieder gut.

Mal sehen, wie sich der Advent entwickelt. Die Deko wartet auf mich. Ich hadere noch und lasse die halbe Adventskiste unangerührt stehen. Mal schauen, was bis Sonntag noch irgendwo hingestellt wird in Vorfreude auf den 6. Januar, wenn alles wieder eingepackt wird und es sich so anfühlt, als atme man wieder durch, allein aufgrund der Tatsache, dass das neue Jahr als unbeschriebenes Heft vor einem liegt.

Für alle Weihnachtsfans – euch einen tollen Advent, genießt eure Deko, eure Duftpotpourris, Punschorgien und Stollenschlachten, die Zeit geht fix vorbei, also mummelt euch ein in eure Rentierpullover. Für alle anderen: Rituale sind wichtig. Genießt eure und lasst den Weihnachtsfans den Spaß. Und ganz ehrlich – wir gehen doch alle mal nachts durchs Dorf und staunen über die Dekoration, wenn alles blitzt und blinkt und nur ab und an ein klassischer Herrenhuter Stern seine Stacheln mächtig in die Nacht streckt. Und auch der härteste Klotz freut sich an einem Weihnachtsfenster in der Straße, das zum Adventskalender des Ortes gehört. Jedem das Seine.

Allen einen wunderbaren ersten Advent.

 

Die klare Frische der letzten Herbsttage spürt man in Steffis Foto. Nochmal durchatmen, bevor der Zimt-Orange-Nelkengeruch alles dominiert.

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