
Christian Morgensterns Text „Träum Kindlein träum“ habe ich letzte Woche von Aurelia geschickt bekommen. Ihre kleine Tochter liebt den Text und kann ihn auswendig sagen, obwohl sie noch sehr klein ist. Herrlich! Wie schön, wenn Kinder Freude an Gedichten haben. Das Sprechen von Gedichten ist nicht nur für unsere Atmung und das Sprachgefühl gut, ich setze das auch in der Arbeit mit Klienten ein. Zungenbrecher aufsagen oder Morgensterns Galgenlieder mit der nicht dominanten Hand abschreiben können uns schnell ins Hier und Jetzt bringen, wenn negative Gedankenvögel durch unser Gemüt brausen.
Texte in vielerlei Versmaßen helfen uns beim Gehen, wieder Ruhe und Ordnung in den Kopf zu bringen. Einen Fünfstern laufen und dabei still einen Text durchfühlen bringt uns in die innere Mitte. Sprache ist für mich eines der größten Wunder des Menschen. Die Herkunft der Worte ist faszinierend, ihre Wirkung nicht minder. Probier mal von Morgenstern „Das große Lalula“ ernsthaft, ruhig und gediegen zu sprechen, während du auf einem Bein stehst. Oder nimm dir sein „Fisches Nachtgesang“ vor – wer da nicht an das Koan denkt „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“
Was in der Schulzeit vielleicht nervig war und peinliche Momente bescherte (wenn du mitten in Schillers Kranichen des Ibykus steckengeblieben bist) empfinde ich heute als „Medizin der anderen Art“. Wenn mich etwas überwältigt, sage ich innerlich oft Texte auf – wie ein Leitpfosten im Nebel hält mich das halbwegs in der Mitte. „… und grausig gutzt der Golz“!
Manuela hat dieses zauberhafte Schneebild geschickt. Danke dir!
