Autor: Christine Krokauer

  • Vorfreude

    Vorfreude

    Ein altes Buch, dem man ansieht, dass es jeden Tag benutzt wird. Ein nagelneues Notizbuch (120 gr Papier!!) und ein frisch gefüllter Füller, türkis für den Schreibspaß. Vorfreunde! In sieben Wochen bin ich ein paar Tage weg. Ich brauche diese Freude, denn beim Blick in die Lage im Land empfinde ich das Gegenteil. Also wappne ich mich mental, auch mit dem täglichen Meditationsbuch, in dem die Wochensprüche aus dem anthroposophischen Seelenkalender von Rudolf Steiner ebenso enthalten sind wie die Gedanken für den jeweiligen Tag, die Monatstugend und vieles mehr. Das ist das Buch, das bei uns seit 22 Jahren jeden Morgen zur Hand genommen und daraus das Tagesentsprechende vorgelesen wird. Das nagelneue Notizbuch mit dem schweren Papier, damit beim Schreiben mit Füller möglichst wenig durch zu dünne Seiten schimmert und weil ich damit mein Notizbuchjahr einläute. Ein Notizbuch pro Jahr für alles, was ich irgendwo an Zitaten oder Bedenkenswertem finde. Alles, was ich seit Jahren an Informationen für mein Buch sammle (jaja, es wächst in den möglichen Mikroschritten). Alles, was ich auf keinen Fall vergessen will. Füller muss sein. Was ich mit meiner eigenen Hand aufgeschrieben habe, ist anders vernetzt im Gehirn. Ich weiß, wo ich welches Zitat in welchem Notizbuch finde, denn es hat immer eine andere Farbe und Form. Und ich habe genug Tinte, dass es für ein türkisfarbenes Jahr reicht. Klingt vielleicht seltsam, doch ich freue mich jetzt schon jeden Tag darauf, welchen ersten Gedanken ich auf die Seite schreiben werde. Um jede Schreibblockade abzuschmettern, fange ich immer mit einem meiner Lieblingstexte an. Vielleicht in diesem Jahr Rilkes Gedanken zu Fragen und Antworten aus einem der Briefe an Kappus. Oder Mascha Kaléko, Rose Ausländer, mal sehen. Ich habe sieben Wochen Zeit, um mir diesen Text vor die Füße flattern zu lassen. Ich bin vorbereitet.

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  • Der kulturbefördernde Füll

    Der kulturbefördernde Füll

    Der kulturbefördernde Füll

     

    Ein wünschbar bürgerlich Idyll

    erschafft, wenn du ihn trägst, der Füll.

    Er kehrt, nach Vorschrift aufgehoben,

    die goldne Spitze stets nach oben.

    Wärst du ein Tier und sprängst auf vieren,

    er würde seinen Saft verlieren.

    Trag einen Füll drum! (Du verstehst:

    Damit du immer aufrecht gehst.)

                Christian Morgenstern

    An diesem Ort werde ich meinen Füller aufschrauben und wissen: das ist einfach nur großartig. Caféteria am Goetheanum. Der Morgenstern-Füllertext ist einer von zwei Texten, die ich für eine Eurythmieausbildung aus Abschlusstext gewählt hatte und ein all time-Lieblingstext

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  • Freuvorschau

    Freuvorschau

    Diese Woche beginnt mit einem meiner Favoriten aus dem anthroposophischen Seelenkalender. „Ich selber schau in Raumesweiten des Herbstes Winterschlaf“ – noch sind die Temperaturen oben, doch spürt man mit jedem Blick in den Garten den Herbst. Jedes Jahr, wenn dieser Text aufscheint, staune ich, wie passend er ist.

    Morgen darf ich in einer Selbsthilfegruppe zu Gast sein mit dem Thema „Lebensfreude“, das ist wirklich schön. Am Wochenende endet bei den angehenden Coaches der systemische Ausbildungsblock, noch insgesamt drei Wochenenden und diese Gruppe hat ihren Kreis beendet. Schön, dass nun die  Anmeldungen für den „Jahreskurs innere Kraft und äußere Klarheit“ eingehen, wir starten unser gemeinsames Jahr am 26. September. Magst du mitgehen? Dann schau gern hier: https://www.seelengarten-krokauer.de/nautilus

    Allen einen freundlichen Start in die neue Woche, in Bayern ist es die letzte Woche der Sommerferien, alle trudeln nach und nach wieder zuhause ein.

     

    So oft gehen meine Gedanken in diesen Tagen froh an diesen Ort – das Goetheanum in Dornach, Blick ins Treppenhaus und zum Roten Fenster.

     

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  • Lieblinge

    Lieblinge

    Es dämpfet herbstlich sich

    Der Sinne Reizesstreben

    In Lichtesoffenbarung mischen

    Der Nebel dumpfe Schleier sich

    Ich selber schau in Raumesweiten

    Des Herbstes Winterschlaf

    Der Sommer hat an mich

    Sich selber hingegeben.

    Wochenspruch aus dem anthroposophischen Seelenkalender von Rudolf Steiner

    Quittenvorfreude am Goetheanum.

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  • Aus ganzem Herzen DANKESCHÖN

    Aus ganzem Herzen DANKESCHÖN

    Heute ist ein besonderer Tag – eine Gruppe hat heute ihren letzten gemeinsamen Seminartag im Jahreskurs „Innere Kraft und äußere Klarheit“. Ein Teil der Gruppe beendet die Reise, ein anderer geht in die Therapeuten-, der dritte Teil in die Coachingausbildung. 52 Wochen sind wir gemeinsam durch viele Themen gegangen – Körper, Seele und Geist, wie funktioniert das Gehirn, welche Sinne haben wir, wie können wir Wahrnehmungen fördern? Warum ist das Labyrinth wichtig, weshalb Stille? Kommunikation hat uns das gesamte Jahr über begleitet, wir haben die Arbeit von Carl Rogers kennengelernt, uns mit Spiral Dynamics und Ken Wilbers integralem Denken befasst und vielem mehr.

    Am 26. 9. um 9 Uhr startet eine neue Gruppe – du kannst gern mitreisen, wenn du magst. Alle Stationen deiner Reise und die Möglichkeiten nach diesem ersten gemeinsamen Jahr findest du hier: https://www.seelengarten-krokauer.de/nautilus

    Für euch, die ihr dieses Jahr mit uns gereist seid: Es war uns eine große Ehre, mit euch unterwegs zu sein. Danke für euer Vertrauen und euren Mut, so eine Reise zu unternehmen. Wir freuen uns, dass ihr nun auf der Zielgeraden seid und wünschen euch, dass alles, was wir gemeinsam erarbeitet haben, eine großartige Wegzehrung für euer Leben wird. Vergesst nicht, euch zu feiern und stolz auf euch zu sein!

     

    Goldwege des Herzens entstehen, wenn man ein Jahr so intensiv zusammen unterwegs ist wie im Nautilusprojekt. Da kommt es zu zahllosen goldenen Verbindungen der Menschen untereinander. Herrlich.

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  • Schwarzes Moor

    Schwarzes Moor

    O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
    Sich wie Phantome die Dünste drehn
    Und die Ranke häkelt am Strauche,
    Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
    Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
    O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

    Fest hält die Fibel das zitternde Kind
    Und rennt, als ob man es jage;
    Hohl über die Fläche sauset der Wind –
    Was raschelt drüben am Hage?
    Das ist der gespenstische Gräberknecht,
    Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
    Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
    Hinducket das Knäblein zage.

    Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
    Unheimlich nicket die Föhre,
    Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
    Durch Riesenhalme wie Speere;
    Und wie es rieselt und knittert darin!
    Das ist die unselige Spinnerin,
    Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
    Die den Haspel dreht im Geröhre!

    Voran, voran! Nur immer im Lauf,
    Voran, als woll es ihn holen!
    Vor seinem Fuße brodelt es auf,
    Es pfeift ihm unter den Sohlen,
    Wie eine gespenstige Melodei;
    Das ist der Geigemann ungetreu,
    Das ist der diebische Fiedler Knauf,
    Der den Hochzeitheller gestohlen!

    Da birst das Moor, ein Seufzer geht
    Hervor aus der klaffenden Höhle;
    Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
    „Ho, ho, meine arme Seele!“
    Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
    Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
    Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
    Ein Gräber im Moorgeschwele.

    Da mählich gründet der Boden sich,
    Und drüben, neben der Weide,
    Die Lampe flimmert so heimatlich,
    Der Knabe steht an der Scheide.
    Tief atmet er auf, zum Moor zurück
    Noch immer wirft er den scheuen Blick:
    Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
    O schaurig war’s in der Heide.

    Annette von Droste-Hülshoff

    Stephanie fand es im Schwarzen Moor bei strahlendem Sonnenschein ganz und gar nicht schaurig und hat das tolle Foto geschickt. Danke!

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  • „Wie geht es dir?“

    „Wie geht es dir?“

    „Wie geht es dir?“ In aller Regel Floskel. Hier antwortet man „passd scho so“. Wie geht es jemandem wirklich? Natürlich stelle ich in der Praxis diese Frage auch. Nicht selten kommt dann: „Keine Ahnung, ich muss erstmal gucken“ (wo gucke ich dann hin?!). Wir sind permanent aushäusig. Sprich: Wir benutzen den Körper, bewohnen ihn aber nicht. Da zahlen wir Geld für Achtsamkeitsretreats und checken nicht, dass unser Leben das entscheidende Retreat ist. Im abgeschiedenen Wald auf tollen Meditationskissen, fern meines stressigen Alltags, bekocht und betüttelt kann ich vermutlich leichter in die Stille kommen (die man dann nicht aushält, weil man sich selbst nicht aushalten kann).

    Entscheidend: Kann ich mich mit mir verbunden fühlen im Chaos eines normalen Alltags? Das kann ich nur, wenn ich mir meines Körpers bewusst bin. Da wollen wir so gern ins Hier und Jetzt kommen und glauben, dass es eine mentale Frage ist. Wenn ein Teil von uns nicht im Hier und Jetzt ist, ist es in aller Regel unser Denken – das ist in der Vergangenheit, in der Zukunft, beim Nachbartisch, sonstwo. Hundertprozentig 24/7 im Hier und Jetzt ist unser Körper. Er atmet nicht für nächste Woche vor oder verdaut das Essen von vor 30 Jahren, sondern ist stets da, wo er ist.

    Wie oft am Tag unterbrichst du deine Hirntrance, um deinen physischen Körper ins Bewusstsein zu holen? Wie würde die Antwort auf die Frage „wie geht es dir gerade“ dann ausfallen? Einfach mal spüren. Erstaunlich, oder?

     

    Bank in Arlesheim

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  • Power pur

    Power pur

    Brennnessel, verkanntes Kräutlein, dich muss ich preisen,

    Dein herrlich Grün in bester Form baut Eisen,

    Kalk, Kali, Phosphor, alle hohen Werte,

    Entsprießend aus dem Schoß der Mutter Erde,

    Nach ihnen nur brauchst du dich hinzubücken,

    Die Sprossen für des Leibes Wohl zu pflücken,

    Als Saft, Gemüse oder Tee sie zu genießen,

    Das, was umsonst gedeiht in Wald, auf Pfad und Wiesen,

    Selbst in noch dürft’ger Großstadt nahe dir am Wegesrande,

    Nimms hin, was rein und unverfälscht die gütige Natur

    Die heilsam liebend schenkt auf ihrer Segensspur!

    Dr. Heinrich Hoffmann, 1809-1894: Brennnessel, das verkannte Kräutlein. Die Samen übrigens sind echte Powerquellen.

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  • Schlimme Geschichten

    Schlimme Geschichten

    „Wie ist das, wenn man den ganzen Tag schlimme Geschichten hört?“ Eine Frage zu meiner Arbeit, die mich erstaunt hat. Die Formulierung „schlimme Geschichten“ – ein Versuch, wahrhaft Erschreckendes leichter zu machen? Wenn etwas „nur eine Geschichte“ ist, ist sie vielleicht nicht wahr, bekommt nicht das Finale, was wirkliche Ereignisse an sich haben.

    „Schlimme Geschichten“: Berichte von Unfällen, Krankheitsdiagnosen, krassen Erlebnissen in der Kindheit? Was bedeutet schlimm konkret für die Betroffenen? Ähnliche Erlebnisse wirken sehr unterschiedlich. Robuste Naturen, liebevoll aufgewachsen, gut ins Leben begleitet, stecken heftige Ereignisse anders weg als Menschen, deren Nervensystem schon vorgeburtlich das Signal des Unerwünschtseins abbekommen hat. Eine Diagnose wird manchmal hingenommen, Wochen später kommt erst die Schockwelle ins System, andere brechen zusammen, wieder andere gehen direkt in die restlose Resignation und schließen mit dem Leben ab.

    Ich höre keine „schlimmen Geschichten“. Ich bin Zeuge von Wundern, davon, was Menschen überstehen, aus welchen Alpträumen sie das nackte Leben retten und dennoch nach vorne schauen. Ich bezeuge Mut, Ent-Wicklungen aus restlosem Chaos hin zu Menschen, die liebevoll ihre Kinder großziehen, einen anstrengenden Beruf ausüben und vieles mehr. Manchen sieht man nicht an, was ihnen widerfahren ist, anderen schon.

    Was allen eigen ist: Jedes System hat seine innere Weisheit, seine Art zu reagieren, Schlüsse zu ziehen und das Leben zu behüten. Meine Aufgabe ist nicht, Geschichten anzuhören, sondern da zu sein, Räume zu halten und den nächstmöglichen Schritt zu ermutigen. Meine Sicht: Demut und Dankbarkeit, Staunen und so, so, so viel Kraft und Mut.

     

    Stephanie hat das Bild gemacht, lieben Dank! Wie ein Sinnbild der Arbeit.

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  • Abend

    Abend

    Der Abend wechselt langsam die Gewänder,

    die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;

    du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,

    ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

    und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,

    nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,

    nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend

    wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;

    und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)

    dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,

    so dass es, bald begrenzt und bald begreifend,

    abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

    Rainer Maria Rilke

    Italienische Abendstimmung, passend zu Rilke. Danke an Theresa für das Foto.

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