
Einen schwerbehinderten Menschen pflegen bedeutet – kein Tag ist wie der andere. Endlich hatten wir gute Zeiten mit dem Bruder. Er war fit, froh, jeden Tag konnte man sehen, dass er gut gelaunt aufgewacht ist, mitgemacht hat im Alltag, das getan, was er kann. Unmerklich schleicht sich ein Schatten ein. Ein Husten hier, Fahrigkeit und Gähnen da. Im Außen ist nichts wahrnehmbar und doch spüre ich, etwas stimmt nicht. Dann beginnt die Suche. Urinsticks. Schlafcheck. Fiebermessen. Flüssigkeitsmengen exakt beobachten. Außenstehende erkennen nichts und ich weiß – er ist richtig krank. Kein Fieber.
Er sieht aus wie immer und doch ist er wie grau, leer, weit weg in sich zurückgezogen. Es sind mikrofeine Veränderungen und Wahrnehmen. Das lernt man, wenn man mit Menschen aufwächst, die sich nicht sprachlich äußern können, sondern auf anderen Ebenen kommunizieren, feiner und exakter als wir das manchmal mit Sprache können. Bei chronischem Nierenversagen zu allem anderen wissen wir um die Begrenztheit von Zeit. Fast 38 Monate begleiten wir ihn nun rund um die Uhr und lernen jeden Tag. Heute hat nicht mal Zimt auf seinem Kaffee gezogen, sonst das ultimative Mittel.
Später war der kalte Kaffee mit Zimt okay. Uff. Und – es ist ein starker Harnwegsinfekt. Das können wir, der Brennnesseltee ist bereit plus x.

