Ohrentage

Krankenhausflure gehören seit meiner Kindheit zu den „bevorzugten“ Aufenthaltsorten. Einmal im Jahr ist Ohrencheck. Ich habe auf der linken Seite ein Implantat, eine sogenannte Soundbridge wegen Taubheit, im rechten Ohr reicht ein normales Hörgerät. Wie bei jeder Brücke macht Prüfung Sinn- Hörtests, Arzt, Techniker checken meine Ohren, damit ich das Gras wieder wachsen höre. Großartige Technik, die mir die hörentspannte Teilnahme am Leben möglich macht.

Dennoch – sowie ich eine Klinik betrete, wird mir bewusst, wie viel Zeit ich als Glaskind (Geschwister eines Kindes mit Handicaps, Glas deshalb, weil man durch sie durchschaut auf das schwierigere Kind, beschreibt Kinder, die funktionieren müssen, weil die Eltern schon genug Stress haben etc.) in Kliniken verbracht habe. Zu erleben, wie ein Geschwister vor Schmerzen schreit, bei endlosen Therapien dabeisitzen zu müssen, die Kindheit in Einrichtungen zu verbringen, weil dauernd diese und jene OP/Therapie/Reha/sonstwas ansteht ist gelinde gesagt gruselig, auch wenn das Geschwisterkind nicht diesen Horror direkt körperlich erleben muss. Ich habe viel Verständnis für meine Klientinnen und Klienten, die Glas- und/oder Reservekinder sind, also als „Ersatz“ für ein verstorbenes Geschwister geboren wurden. Ich bin beides und weiß, wovon die Menschen in der Praxis sprechen. Heute kommen viele Themen hoch, die vor 50 Jahren als „ist so, gewöhn dich dran“ abgewunken wurden.

Allen einen freundlichen Jupitertag.

Drei Wochen nach der Ohren-OP war ich froh, dass alles gut heilen konnte.

 


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