
„Wie ist das, wenn man den ganzen Tag schlimme Geschichten hört?“ Eine Frage zu meiner Arbeit, die mich erstaunt hat. Die Formulierung „schlimme Geschichten“ – ein Versuch, wahrhaft Erschreckendes leichter zu machen? Wenn etwas „nur eine Geschichte“ ist, ist sie vielleicht nicht wahr, bekommt nicht das Finale, was wirkliche Ereignisse an sich haben.
„Schlimme Geschichten“: Berichte von Unfällen, Krankheitsdiagnosen, krassen Erlebnissen in der Kindheit? Was bedeutet schlimm konkret für die Betroffenen? Ähnliche Erlebnisse wirken sehr unterschiedlich. Robuste Naturen, liebevoll aufgewachsen, gut ins Leben begleitet, stecken heftige Ereignisse anders weg als Menschen, deren Nervensystem schon vorgeburtlich das Signal des Unerwünschtseins abbekommen hat. Eine Diagnose wird manchmal hingenommen, Wochen später kommt erst die Schockwelle ins System, andere brechen zusammen, wieder andere gehen direkt in die restlose Resignation und schließen mit dem Leben ab.
Ich höre keine „schlimmen Geschichten“. Ich bin Zeuge von Wundern, davon, was Menschen überstehen, aus welchen Alpträumen sie das nackte Leben retten und dennoch nach vorne schauen. Ich bezeuge Mut, Ent-Wicklungen aus restlosem Chaos hin zu Menschen, die liebevoll ihre Kinder großziehen, einen anstrengenden Beruf ausüben und vieles mehr. Manchen sieht man nicht an, was ihnen widerfahren ist, anderen schon.
Was allen eigen ist: Jedes System hat seine innere Weisheit, seine Art zu reagieren, Schlüsse zu ziehen und das Leben zu behüten. Meine Aufgabe ist nicht, Geschichten anzuhören, sondern da zu sein, Räume zu halten und den nächstmöglichen Schritt zu ermutigen. Meine Sicht: Demut und Dankbarkeit, Staunen und so, so, so viel Kraft und Mut.
Stephanie hat das Bild gemacht, lieben Dank! Wie ein Sinnbild der Arbeit.

