Donnerstags-Nachdenk-Input

Auf Hebbels interessante Aussage zur Kultur bin ich gestoßen. Viele Schritte führen zur Höhe einer Kultur, nur einer nach unten. Kultur kommt von colere, das lateinischen Wort bedeutet urbar machen, bebauen, pflegen, ausbilden. Unter Kultur verstehen wir heute alles, was die Menschen selbstgestaltend tun im Gegensatz zur Natur. Kultur und Zivilisation bedeuten zweierlei, beschrieben hat es Immanuel Kant so: „Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“ (in: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784).

Ich dachte die letzten Tage viel über das nach, was wir unter Kultur verstehen, denn es ist sehr unterschiedlich, was Menschen alles Kultur nennen. Dabei ist mir wieder aufgefallen, dass wir viele Begriffe haben, sie oft im Alltag nicht sauber definieren. Ein Klient hatte letzte Woche gesagt, wenn wir so weitermachen, sei das der Untergang unserer Kultur. Er meinte vermutlich unserer derzeit gepflegten Lebensform und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht gar ein Vorteil wäre.

„Civilisiert bis zum Überlästigen“ nannte es Kant und bemängelte fehlende Moral. Begriffe wie „ehrbarer Kaufmann“, „zu seinem Wort stehen“, „per Handschlag besiegeln“ sind nicht mehr im Gebrauch bei vielen und die, die sich daran halten, erleben oft genug Ausnutzung ihrer „Gutmütigkeit“.

Immer wieder kehren wir in der Frage, wie wir unser Leben leben möchten, zu Grundwerten zurück. Dass wir bei dieser Menge Menschen auf dem Planeten permanent jemandem begegnen, der in keiner Weise unsere Weltsicht teilt, liegt in der Natur der Sache. Dass mich „das Andere“ verunsichert, verängstigt und verwirrt, ist klar. Ich empfinde das weniger als negativ, eher als Bitte an den anderen, mir seine Weltsicht zu erklären ohne missionarischen Eifer. Wahrscheinlich hat er aus seiner Sicht genauso Recht wie ich aus meiner, beide sind wir garantiert nicht im Besitz einer Wahrheit.

Kultur basiert auf Werten. Werte teilen wir mit vielen Menschen. Sie zu achten, nach ihnen zu handeln und das Herz und den Geist offen zu halten für den anderen, der ganz anders denkt und fühlt und von ihm seine Welt erklärt zu bekommen, ist ebenfalls ein Stück Kultur. Werte sind unveräußerlich. Ignoranz, Beleidigungen, Rechthaberei und Niedermachen gehören für mich nicht zu einer irgendwie gearteten Kultur. Ich muss niemandes Meinung teilen. Niemand muss meine Meinung teilen. Aber haben dürfen wir verschiedene Meinungen. Diese verändern sich durch Begegnung, Austausch, Erkennen, Verstehen und Begreifen. So kann Neues wachsen. Wiederholungen des immer Gleichen machen dies noch nicht zur Wahrheit.

Allen einen freudigen Jupitertag. Wer weiß, was uns an diesem Tag begegnet, das uns verwirrt, verändert, einlädt, gewohnte Wege zu verlassen und Neuland zu entdecken.

Den Termitenhügel hat Theresa in Australien entdeckt. Danke für das Foto!

Kommentar posten

Wir nutzen auf unserer Webseite personenbezogene Daten, um dein Nutzererlebnis deutlich zu verbessern. Einige sind essenziell, andere helfen uns, die Inhalte unserer Seite zu optimieren.