Dienstags-Nachdenk-Input

Vor einigen Jahren hatten wir Schnee um die Weihnachtszeit. Mal sehen, wie es dieses Jahr wird. Im Moment heult der Wind ums Haus und zuppelt an den letzten Blättern.

Ich sitze über Skripten, die aktualisiert werden müssen. Die Sicht auf viele Krankheiten verändert sich immer wieder durch neue Forschungsergebnisse, auch durch die Tatsache, dass jede Zeit ihre Krankheiten hat. Das ist ein interessantes Phänomen und sagt viel über die Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit aus, zudem darüber, wie bestimmte Krankheiten eingeschätzt werden.

Psychische Erkrankungen gelten nach wie vor als Makel. Manchem Patienten wäre es lieber, er hätte einen Gips am Bein anstatt eine Depression, denn der Gips zeigt schon im Außen an, dass die Person gerade nicht alles tun kann, was sie will, sondern Schonzeit hat. Psychische Erkrankungen sieht man nicht. Die Betroffenen haben sich „zusammenzureißen“ und sich nicht „anzustellen“ und viele andere Aussagen dieser Art mehr. Wollen, aber nicht können wäre zutreffender.

Eine Klientin berichtete mir heute von ihrer Großmutter, die durch einen sehr schweren Unfall und Krebs Teile des Gesichts verloren hat. Die Frau, schwer belastet durch den gänzlich unverschuldeten Unfall, erträgt seit Jahrzehnten Gespött und Gehöhn der Umwelt, sie wird „Hexe“ genannt. Ist uns klar, dass zwischen gesund und schwerstbehindert eine einzige Bananenschale ausreichend wäre? Seien wir dankbar, wenn wir am Abend gesund ins Bett gehen und am Morgen gesund aufwachen dürfen. Und reichen wir jenen die Hand, die Tag für Tag gegen Vorurteile kämpfen und sich große Mühe geben, ihre Talsohlen unverzagt zu durchschreiten.

Jeder von uns kann krank werden, wir wissen nicht, wo unsere Sollbruchstellen immer liegen. Bevor wir irgendwen be- oder verurteilen – hören wir seine Geschichte an. Warten wir ab, was die Person zu sagen hat. Und bitte trauen wir den Menschen ruhig zu, dass sie mit Krankheiten klarkommen, Wege zur Gesundung finden und machen sie nicht zu Unfähigen, denen man „helfen muss“. Hilfe ist nur dann eine, wenn sie zur Selbsthilfe befähigt, dem Gegenüber die Würde lässt und ihm auch die Wahlmöglichkeit gibt zu entscheiden, ob er Hilfe möchte oder nicht.

Allen einen guten Marstag!

Danke an Theresa für das Gartenwinterschneefoto.

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